Sonntag, 24.01.2010
22:45 » Noch nicht.
früher, als man noch glaubte, interessiert zu sein, habe ich stets alle lesungen des ingeborg-bachmann-wettbewerbs auf video aufgenommen und in der nacht geschaut. in besonders kreativen phasen habe ich dabei auch noch gemalt. multi-tasking-dilletanto-spango. aber manchmal konnte man wahre sprachkünstlerinnen entdecken. 1998 hat mich dieser text am meisten fasziniert. bei aller bewunderung für frau lewitscharoff und pong, hätte ich der frau schmidt den ersten preis gewünscht. allein, weil die sprache mich total in ihren bann gezogen hat. bis heute ist das dazugehörige buch für mich ein sprachschatz, dabei ist die geschichte genauso überladen wie die sätze, begriffe und symbole. hat mir aber in dem fall gar nix ausgemacht. 2009 hat sie nun den deutschen buchpreis für DU STIRBST NICHT erhalten.

der roman ist teilweise sehr autobiographisch. kathrin schmidt erlitt 2002 eine subarachnoidalblutung ausgelöst durch ein geplatztes aneurysma. sie lag im koma, war hlabseitig gelähmt und musste wieder sprechen und schreiben lernen. in dem roman beschreibt sie das schicksal einer schriftstellerin, die genau an diesem krankheitsbild leidet.
das buch ist, im gegensatz zu ihren bisherigen irgendwie griffiger. reduzierter. aber sehr stark in den beobachtungen. vieles kommt mir sehr bekannt vor. etwa die vollidioten, die man unter pflegepersonal, rehaangestellten und ärzten findet, die schlicht bescheuert sind. seinerzeit ging mir das erste mal auf, dass sich nicht nur überall, in allen lebensbereichen die gleiche anzahl schlechter menschen rumteibt, sondern dass ihr vorhandensein in gewissen bereichen doch weitaus größere konsequenzen haben kann. außerdem gewinnt man durch diese art von kognitiven vollausfall einen eindruck davon, was wirkliche ohnmacht bedeutet. wenn etwa die protagonistin mitbekommt, dass ihre essenration, die sie per magensonden bekommt immer mit dem ausspruch "mahlzeit" erneuert wird, weil die schwester eh glaubt, sie schnallt nix mehr. insgesamt jene situationen, in denen man nicht ernst genommen wird. nicht, dass man das aus dem alltag nicht kennen würde. man ist halt nur auf ein gemüse degradiert und ist nicht fähig, sich für oder gegen eine verteidigung zu entscheiden. für mich, der wohl auch vieles nicht ernst genug nahm und nimmt, war das seinerzeit eine ganz nette einsicht. bis heute reagiere ich höllisch sensibel, wenn ich das gefühl bekomme, man nimmt mich nicht ernst. in bestimmten situationen. dann schieße ich meisten unangemessen scharf zurück. also alle kanonen auf vollen beschuss während das ziel nicht von einer kriegserklärung weiß. auch finde ich, dass zu wenig zeit ist, sich ständig mit jedem kack auseinanderzusetzen. zeit ist knapp.
in dem buch muss sich die hauptfigur ihr leben über erinnerungen zurück erkämpfen, da ihr viele zeiträume abhanden gekommen sind, muss sie sie nach und nach rekonstruieren. sie kämpft mit ihrem restgedächtnis. ihren kopf, ihren gefühlen und beobachtungen. dabei kommt alles auf den prüfstand. ihr leben, ihre liebe. sie dabei zu begleiten ist sehr berührend, ohne dass das buch jemals einen jammernden ton anschlägt. die frau nimmt ihr schicksal hin und versucht mit ihren noch verbliebenen mitteln, ein neues leben zu beginnen. gerade weil ihr langsam klar wird, dass ihr bisheriges eigentlich längst in trümmern lag.
das besondere ist der tonfall der geschichte, die bei aller erschütternden zerstörung hauptsächlich auf das wiederbrappeln eingeht. körperlich, seelisch und emotional. obwohl das geschilderte schicksal viel härter ist, als das, was ich erleben dürfte, habe ich mich sehr gefreut, diese schilderungen zu lesen.
nach einer solchen erfahrung fängt man zwar nicht gänzlich neu an. man sortiert aber die überbleibsel neu. um die zeit nutzen zu können. vorher denkt man kaum darüber nach wie endlich man ist. man lässt sich weniger zeit für dinge, die man nicht mehr so wichtig hält. auch ich habe mich neu sortiert. bin sicher, dass das richtig war. vor allem bringt einen so schnell nix aus dem konzept. man glaubt, dass man wohl kaum mehr untergehen kann. ich bin natürlich letztes jahr untergegangen und immer noch schaut nur die nasenspitze aus dem wasser (spango-finne). nachdem ich alles nach meiner sab unternommen habe, um mich mal zu öffnen, ist eigentlich wieder alles verschüttet. man will auf niemanden mehr eingehen. leute verstehen müssen. sich selber erklären. da bleibt man lieber unter wasser. zumindest für den zeitraum, in dem man weiß, dass man ansonsten eh alles zum sinken bringen würde. langsam ist aber auch gut, denke ich in letzter zeit. fast kommt man sich wehleidig und unangemessen jämmerlich vor. doch eigentlich darf man das. man muss nur aufpassen, dass man nicht alles zuklappt. wenn man alle türen zuschmeißt wirds auch fad...

vielleicht ist es zeit, alles neu zu sortieren. so lange man noch da ist. ehrlich und offen. ohne zu vergessen, wann man wieder genug energie hat.

das wichtigste: KATHRIN SCHMIDT LESEN!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!


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