Dienstag, 08.12.2009
21:36 » spango als ewiger patient
diese woche mein letzter arztbesuch. ich muss wechseln, weil mir der weg zu weit geworden ist. irgendwie schon seltsam, weil mein arzt mich so gut kennt. hat alles mitbekommen, den kaputten schädel, die genesung, und die restlichen tiefschläge der letzten jahre. vor dem gespräch sitze ich sehr lange im wartezimmer. das telefon bimmelt unaufhörlich, die sprechstundenhilfen rattern stoisch-freundlich ihre begrüßungssätze runter.

ich denke nach fünf minuten, dass ich ausrasten würde. in diesem job. ständig neue menschen, die eine schweinegrippeimpfung verlangen. ein fünfzigjähriges pärchen steht händchenhaltend vor der anmeldung und hält einen vortrag über ihre gemeinsame entscheidungsfindung bezüglich der impfung. neben mir ein etwa achtzigjähriger, dessen kopf fast auf meiner schulter liegt, weil er selig schlummert, das goldene blatt vom lesezirkel noch auf dem schoß. zwischendurch gehe ich mal raus, weil ich ungeduldig bin, schmacht habe und auch keine lust, mir das szenario weiter anzuschauen. dabei ist es ja nicht schlimm. nur ich bin sehr unleidig.

früher hat mal ein mensch immer zu mir gesagt, ich wäre unwirsch. unwirscher als zur zeit war ich lange nicht. schlimme daten nahen, blöde telefonate, vielleicht entscheidungen, kalte tage und wohl auch unschöne begegnungen und gespräche. das alles rauscht durch meinen kopf, während die kakophonie des wartezimmers immer wieder den unsteten denkfluss unterbricht. einen denkfluss, den ich gerne versiegen lassen würde. bringen ja eh nix, die karusselligen betrachtungen im kopp - seit jahren immer nochnerundenochnerunde...völlig unnötig. auch ohne die ganzen runden wäre ich wohl da wo ich jetzt bin. so gut wie es ist und so schlecht wie es ist.

nun aber zurück zu meinem arzt. wir gehen die ergebnisse der blutuntersuchung durch. alles top. war immer so. nierchen spülen einwandfrei, cholesterin wie bei einem ungesättigten fettsäure-omegasounso-champ, diabetes weiter entfernt als zufriedenheit. naja, dann ein gespräch über das fremdbestimmte leben. mein arzt fühlt sich fremdbestimmt von seinen patienten, dem schreibkram und seiner familie. er erzählt, dass er sich immer zwischendurch für fünf minuten in einem seiner sprechzimmer versteckt und behauptet, Akten zu studieren.

und überhaupt, man braucht mehr freiräume. ich denke über den begriff nach, der mir so unbekannt vorkommt. übrigens braucht der menschliche körper eigentlich annähernd ein jahr, um sich vollständig von einer extremen stresssituation zu erholen. ich beabsichtige, mich nach dieser erkenntniss mit sofortiger wirkung in den ruhestand zu begeben. mein arzt will das nicht bescheinigen, weil er ja dann schon selbst längst im schaukelstuhl sitzen müsste.

dann folgern wir, dass eh das umfeld und die familie schud sind. an der misere. der eigenen situation. die aber - machen wir uns da mal nix vor - immer noch bei weitem nicht so schlimm ist, wie bei echten härtefällen. dann noch ein paar messiethemen. auch mein arzt ist einer, aber fühlt sich ziemlich wohl dabei. dann ist es auch nicht so schlimm, schlimm wird es, wenn darüber nicht mehr geredet wird. eben wie immer. wenn nicht mehr geredet wird.

und ich hasse diese weihnachtsmusik, werde an den meisten tagen arbeiten, wenn allerorts die glocken klingen. erstens weil kein urlaub mehr vorhanden ist. ürbigens v.a. wegen zahlreicher messieaktivitäten. zweitens weil ich beschäftigung brauche. oder ne kur. die hätte ich am besten beim letzten arztbesuch noch durchgeboxt.

schön war es schließlich noch, von meinem arzt zu hören, dass man mir mein körperliches alter kaum anmerkt, wenn man es nicht weiß. da fällt mir auf, dass mein unwille, in dem wartezimmer zu sitzen nicht nur daher rührt, dass ich total entnervt bin, wegen allem und allen, sondern auch darin begründet ist, dass ich mich immer noch weigere, zu der gruppe von arztbesuchern zu gehören, die um die visite eben nicht herum kommen. die alten, die schwachen, die lesezirkel-fans. versehrte und unter ihnen spango. vielleicht sollte einmal die einsicht erfolgen, dass die realität nicht weggeschrien werden kann. aber meinen arzt werde ich vermissen. fast eine positive gefühlsregung.

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