Freitag, 06.11.2009
11:43 » Hommage
Eigentlich habe ich noch immer nicht viel zu sagen. Im Grunde fühle ich mich auch nicht bereit, meine Gedanken zu teilen – außer die beliebigen. Meine Mutter ist jetzt schon viele Monate tot und ich kann es nicht wirklich verarbeiten. Egal wie sehr ich mir vorgestellt hatte, dass dieses Ereignis schockierend und natürlich kaum zu verkraften sein würde, reichte alle Vorbereitung nicht. Eh einer meiner größten Fehler, dass ich glaube, ich könnte mich vorbereiten. Hat nie funktioniert. Trotzdem war es das schlimmste Erlebnis in meinem Leben. Nicht nur der Verlust, auch das Ausmaß der Ignoranz, Feigheit und daraus resultierender Grausamkeit, zu der Menschen in der Lage sind. Habe immer noch das Gefühl, komplett zerfetzt zu sein. Weiter nicht den Eindruck, dass ich mich regeneriere. Ständig wabern die Erinnerungen hoch und lassen fast jedes positive Gefühl ersticken. Viel mehr will ich dazu hier auch nicht sagen. Beim Entrümpeln der Wohnung meiner Mutter ist mir aber etwas aufgefallen, was mich gleichzeitig glücklich und bestürzt gemacht hat. Sie war ein großer Fan des Perfekten Dinners und hat sich dutzende von Rezepten der Sendung ausgedruckt, die überall herumflogen. Daneben waren Texte aus Geschwafel. Ich wusste zwar, dass sie die Texte liest und herzhaft über sie lacht, sich Sorgen macht und mitunter stirnrunzelt vor der Computer saß und sich über ihren Sohn wunderte. Aber dass sie fast alle gesammelt und wohl häufiger gelesen hat, hat mich überrascht. Das Tolle war immer ihre Einstellung, alles zu akzeptieren, was der bekloppte Spango so treibt. Das hat mich oft radekastendoll gemacht, aber immer auch stolz, weil sie dadurch unbeschreiblich demonstrierte, wie viel Liebe sie für ihre Kinder empfindet. Ich bin zu so viel Akzeptanz gar nicht in der Lage, weil ich nicht die Kraft habe, dermaßen emotionale Tiefschläge zu schultern, die zwangsläufig bei dieser Lebenseinstellung eintreten. Allein den auffressenden Emotionalitäten in den letzten Monaten ausgesetzt gewesen zu sein, die meine Mutter ihr ganzes Leben lang ertragen hat, hat mich völlig entmachtet. Und dafür schäme ich mich, weil ich zuvor nie in Gänze verstanden habe, welche vernichtenden Interaktionen im Gange waren, geschweige denn, fähig war, diesen Einhalt zu gebieten. Dadurch habe ich inzwischen nix mehr zu verteilen, nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil nichts mehr da ist. Trotzdem versuche ich, hier wieder ein paar unnütze Geschichtchen zu platzieren, weil ich stolz bin, dass meine Mutter mein Geschwafel hoch gehalten hat.


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