Sonntag, 14.12.2008
14:27 » WILD ODER KASTRIERT
Früher war ich sehr oft beim Arzt. Natürlich sind diese Besuche nicht freiwillig. Erst in einer Zeit, wo es zur letzten möglichen Freizeitbeschäftigung verkommt, werde ich mir meinen Hintern in Wartezimmern platt sitzen. Mit einer Zeitschrift des Lesezirkels meine verbleibende Zeit verblättern und darauf warten, dass sich jemand nach zweieinhalbstündiger Wartezeit, fünf Minuten Zeit für mich nimmt. Mein Hausarzt, gebürtig aus den Niederlanden, ist ein sehr beliebter Mediziner, hier stehen die Senioren und auch alle anderen, buchstäblich Schlange. Er macht auch keine Termine, es sei, man erhält irgendeine kostspielige Behandlung oder wird auf Herz und Hirn getestet. So bleibt nur die Sprechstunde, die täglich um neun Uhr fünfzehn beginnt. Zuvor werden noch die Nüchternen abgearbeitet. Sie werden sagen, dass diese Bevölkerungsgruppe eh immer kleiner wird. Aber da haben Sie Unrecht – denn zum einen geht angeblich die Anzahl der Süchtigen zurück und zum anderen handelt es sich bei der mysteriösen Gruppe der Nüchternen um Herrschaften, die ohne etwas im Magen antreten müssen, um ein unverfälschtes Blutbild anfertigen zu können.
Die Nüchternen finden Erwähnung, weil sie es sind, die die Türen zur Praxis schon vor Acht Uhr öffnen.
Will man nun in die Sprechstunde, so bietet es sich an, dass man schon um diese Zeit vorstellig wird. Anfang der Woche war ich um Halb Neun da und hätte bis Halb Zwölf warten müssen, um in den Genuss eines Fünfminutengesprächs zu kommen.
Dieses Mal war ich um fünf Minuten vor Acht da – war erst Nummer drei der Wartenden (zwei Seniorinnen hatten vor der Tür campiert), so dass ich bereits um 20 nach Neun die Hand geben und meine Untersuchungsergebnisse abholen konnte.
Langes Gelaber – kurzes Resultat: Blutdruck – sehr gut / Blutwerte – sehr gut / Puls – Kaninchen.
Sind ja niedliche Tiere, diese kleinen Mümmler, aber haben Sie auch festgestellt, dass sie einen etwas nervösen Eindruck hinterlassen, wenn man sie abends im Park mit einer Taschenlampe unter dem Rhododendron ertappt? Als ausgewachsener Mensch kann man sich das nicht erlauben. Spango wirkt eh immer so hektisch und tendenziell aggressiv, damit macht man sich keine Freunde.
Also schlägt mir mein Arzt einen Deal vor, ich probiere es mal mit Betablockern, die die nervösen Spitzen kappen sollen. Und das Tolle: wenn ich davon nicht impotent werde, ist das des Problems Lösung. Weil es eh nichts Wildes im Hektischen gibt, nehme ich das Kastrationsrisiko auf mich, um nicht überall mit Mathias Richling verwechselt zu werden, den ich nicht mehr sehr schätze. Der Mediziner hat mir auch den Befehl gegeben, Urlaub zu nehmen. Darauf war ich längst selbst gekommen und kann ab dieser Woche 14 Tage lang versuchen, den Puls zu verlangsamen und nur dann wild zu werden, wenn ich es will.

4 Kommentare

  1. lucky am 15.12.08 - 10:46
    (editiert: 15.12.08 - 11:46)
  2. Tod Spango am 15.12.08 - 14:10
    (editiert: 15.12.08 - 15:51)
  3. lucky am 15.12.08 - 21:32
    (editiert: 15.12.08 - 22:32)
  4. Tod Spango am 20.12.08 - 18:14
    (editiert: 20.12.08 - 19:14)

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