spango unter den häschern
In geschlossener Formation trieb man weiter ab – die Sieg herunter. Mir schwirrten wirre Gedanken im Kopf herum: ob wohl der Fluss bewusst gewählt worden war? Wegen seines Namens? Teambuilding in einem Terrain, das das Motto vorgibt? Perfider, weil total unsubtiler Plan. Wenn aber das durch die Namensgebung quasi unvermeidliche Ziel durch ein Gewässer verkörpert wird, deren eindruckvollsten Details – neben zivilisatorischen Artefakten, verfangen in der angrenzenden Flora, Stromschnellen sind, die einem den Atem rauben, eben weil man auf sie aufläuft, scheint das Konzept der positiven Einflussnahme auf die Motivationsbereitschaft der Gruppe eher nicht aufgegangen zu sein.
Insgesamt war die Laune aber relativ prächtig. Hier paddelte zusammen, was sich seit geraumer Zeit zusammen rotten musste. Mal stotternd, umständlich und mit Sicherheit auch eigenartig verhaltensauffällig, aber zumindest effizienter und angenehmer als in den angrenzenden Bereichen des Konzerns, deren Motive und Ideale kaum akzeptabel sind. Weil die erstgenannten sich in einer steten und willkürlichen Fluktuation befinden und die letztgenannten niemals Bestandteile der Geschäftspolitik waren. Halten Sie mich jetzt nicht für einen romantisierenden Traumtänzer. Bin ich nicht, war ich nicht, werde ich auch nie sein. Es erstaunt nur eben immer wieder, dass die Opfergaben im Namen der Rationalisierung, die durch virtuelle Relationsgebäude beschlossen werden, nicht zu früh, sondern zu spät eintreten und dem realen Ablauf der Arbeitsprozesse eher abträglich sind. Es geht nicht um mich, ich bin qua Spangosozialisation ein Sonderfall. Nicht besonders im Sinne von „toll - nur nicht entdeckt“ oder „Herr Ober, eine Extrawurst zackzack!“, sondern zum einen über meine spezielle Einbringung und zum anderen über meine persönlichen Dumpfheit. Hier lasse ich den ersten Punkt allerdings nicht mehr gelten und werde der Dumpfheit leider abschwören müssen. Lebensqualität wird ab jetzt Vorrang haben und aus diesem Grund werden Kompromisse nun im Hinblick auf Relationen getätigt – übrigens basierend auf einem sehr realen Gebäude von Tatsachen und Leistungsnachweisen.
Huch – schon wieder nur über mich erzählt. Egospango. Wo war die Gruppe denn nun? Die letzte Etappe war angebrochen. Verzweifelt hielt man Ausschau nach Ortsangaben – Symbole der Orientierung, die einem den Weg nach Hause ankündigen würden. Inzwischen hatten der Herr Ing. und Spango inklusive Boot die Führung übernommen. Quasi aus Versehen, hier spielte sich ja kein Wettrennen ab, sondern ein geselliges Beisammensein, ohne Muss und Zwang. Stattdessen paarte sich hier Spass mit Freiheit. Wir hatten zwar immer noch keine Synchronität erreicht, aber wenigstens einen Rhythmus gefunden, der uns so weit von den Uferböschungen fernhielt, dass ich meine Nase nicht in Äste und Modder stecken musste. Meine Nase ist proportionstechnisch meinem Körper nämlich immer eine Länge voraus. Das macht Sinn, wenn man in der Stadt einen Zebrastreifen quert oder sich in einer Schlange anstellt – hier draußen – unter freiem Himmel wurde diese Eigenschaft zu einem Makel, der von Gebüschen eindrucksvoll aufgespießt wurde. Zwar gelang es unserem Boot immer noch nicht, angemessen in einer Spur zu bleiben, denn sowohl die Link-Rechts-Schwäche des Herrn Ing. als auch das hektische Paddelseitenwechseln von Spango verhinderten jede Ordnung, doch es reichte aus, um das Ziel als Erste zu erreichen. Zuvor hatte der Herr Ing. noch versucht, durch ein System das Chaos zu beseitigen. Aber man muss auch mal kleinbeigeben und sich sagen: nein, so machen wir das jetzt, lass die Welt doch lachen, lass sie die Kontinente über den Polen zusammen schlagen, so lange es läuft, kann das Chaos als Mutter und Vater allen Seins an seinem Platz bleiben. Was soll das überhaupt bedeuten? Drei Mal links, drei Mal rechts? In der Theorie wohl, dass man in dieser Taktung zügig überall hin paddeln kann. In der Praxis muss man sich aber doch mal seiner Links-Rechts-Schwäche stellen. Optimierungen scheitern nie am Anspruch, sondern am vorhandenen Material.
Da Profis für die Organisation dieser Paddel-Touren verantwortlich sind, war die Anlegestelle unter einer Brücke und fast unerreichbar, da überall schöne dicke Steinbrocken den Weg ans Ufer versperrten. So wurde diese Landung zu einer letzten Herausforderung, der sich der Migrationshintergrund mit einer Polandung im kühlen Nass geschlagen geben musste. Die Flip-Flops – meine Rede…
Obwohl – die allerletzte Herausforderung war der Besuch einer Lokalität, in der nun gespeist und gesoffen werden sollte. Die war auch relativ schnell gefunden. Allein Frau Rh. glaubte, wieder einmal zu kurz zu kommen, da sie immer annimmt, dass sich die Welt gegen sie verbündet hätte.
Man kann sich sicher sein, dass diese Selbsttäuschung auch noch Bestand haben wird, so lange jene Menschen leben, die sich tote Tiere einverleiben. Denn dieser Umstand wird von Frau Rh. sehr persönlich genommen. Eher auf die Art, dass man für sie als Vegetarierin kein Äquivalent zum Steak anbietet. Was eh nicht geht. Um es auf den Punkt zu bringen – da wo Mettbrötchen gereicht werden, glaubt Frau Rh. ganz automatisch, dass sie kurz kommt. Wo bleiben eigentlich die Broccolibrötchen? Wer hat sich bisher geweigert sie zu erfinden? Außerdem hält Frau Rh. diese Benachteiligung, will sagen bösartige Diskriminierung, nicht für eine Unnachlässigkeit, eine Unaufmerksamkeit, sondern für eine ganz bewusste Bösartigkeit, deren Existenz allein auf ihrer (der von Frau Rh.) basiert. Weil Frau Rh. durch die Welt schreitet, weigert sich die Metzgerinnung sehr rabiat vegetabile Pasten und Grünkernpuffer neben der opulenten Fleischauslage zu platzieren. Nun mal unter uns: ich esse relativ wenig Fleisch, ertappe mich aber mitunter dabei, dass ich aus purer Unterstützung für das Weltbild von Frau Rh. schon morgens einen Mettigel mit ins Büro nehmen will oder wenigstens mit dem Gedanken spiele, ein Mettbrötchen mit mir zu führen, den ich ihr dann stündlich anbieten könnte. Kollegialer Unterstützungübermut, der mich treibt. Was würde passieren, wenn sie merkt, dass die Welt sich wenig darum schert, dass sie kein Fleisch isst? Und die Welt ihr dafür nicht tagtäglich ans Leder (pardon: ans vegetarische Lederimitat) will, gerade weil es durchaus respektabel und richtig ist, dass sie sich so ernährt wie sie es will?
Und nun aber der Einzug in eine Art Brauhaus, da plusterte sich Frau Rh. zur Vorbereitung schon einmal auf, damit sie ein Donnerwetter auf die Servicekraft loslassen konnte. Doch sie konnte nicht andocken, musste einsehen, dass die charmante Servicekraft gut geschult war und eine ganze Reihe vegetarischer Gerichte herunterbetete, vor denen nun Frau Rh. wohl oder übel kapitulieren musste.
Da war es auch schon fast vorbei. Die sehr, sehr große Taube hatte ich längst nicht mehr auf dem Radar, schaue mich aber in den letzten Tagen öfters mal um und in den Himmel. Kann aber auch gut sein, dass Frau Ro. die sehr, sehr große Taube aus faszinösem Interesse einfach in ihre vier Wände verschleppt hat.
Beide werden niemals aufgeben. Auch ich nicht. Es gibt noch genug Aufgaben, die auf mich warten: Höllentrips, Freizeitparkbesuche und Wanderungen in der Uckermark. Ich werde alle nicht nur annehmen, sondern aus vollem Herzen genießen, gerade weil ich ein ausgesprochener Teamplayer und Gutmensch bin. Der auf Betreuung hofft, während er sich als Supervisor ausgibt.

(editiert: 20.08.08 - 20:10)
(editiert: 21.08.08 - 12:42)