Wir haben den Fun-Freitag, Mario Barth, Hella von Sinnen, Hugo Egon Balder und Florian Silbereisen. Alle Bestandteile einer Humorkultur ohne Geschichte. Einfallslose Witzchen und immergleiche Variationen von Geschrei, vorsichtigen Pippi-Kaka-Bonmots, dicken Menschen, die gegen Glastüren rennen, der tumbe Widerhall eines Alltags, der in der Realität schon doof ist, in seiner Interpretation durch arrogante Autoren und Präsentatoren zu einer Karikatur verkommt, die eher Angst und Schrecken als wohlig erschütternde Schauer verbreitet. Für diese Auswüchse müsste es ein spezielles TORCHWOOD-Team geben. Zum Schutz vor der weiteren Hirnerweichungsrunde, privat wie öffentlich-rechtlich.
Allein LITTLE BRITAIN beweist, was noch möglich ist. Da werden die Klischees ausgehebelt, an denen man in deutschen Storyhöllen gerne festhält: der hysterische Homosexuelle, der bauchfrei trägt, die blonde Schlampe, die vergessen hat, sich die Spermareste aus den Mundwinkeln zu wischen, der lustige Dicke, der gegen eine Glastür rennt (Redundanz, da isse schon), die frustrierte Single-Frau, Blind-Date - und Diät-geschädigt, und, als Entdeckung der jüngeren Vergangenheit, die Migrantenabkömmlinge mit authentischer Ausgestaltung in Sachen Kanak-Sprache und Rap-Pose.
In LITTLE BRITAIN sind die Charaktere keine Opfer, sondern haben längst die nächste Stufe erreicht. Zum Beispiel die bezaubernde VICKY POLLARD.
Da wird schön an dem Klischee geschraubt bis es durch die Decke bricht. Es wird eine angemessene Weile dort liegen gelassen und anschließend in das Gesamte eingefügt. Im Unterschied zu den deutschen Papierfiguren sind die Gestalten aus LITTLE BRITAIN keine Opfer, die sich Vollidioten in ihren Schreibstuben haben einfallen lassen. Keine passiven Tölpel, über die das Kroppzeuchs lacht, weil Mario Barth die auch totaaaall beknackt und bäh findet. Vielmehr sind sie selbstbewusst und machen eben dem Pöbel das Leben schwer. Da wird gefurzt, gekotzt und mit sexuellen Stereotypen gespielt, dass es nur so kracht.
Jetzt bin ich vom Weg abgekommen, dabei ging es doch um TORCHWOOD. Das Spin-Off von DOCTOR WHO – erdacht von Russell T. Davis, der sowohl für QUEER AS FOLK als auch für die erfolgreiche Wiederbelebung von DOCTOR WHO verantwortlich ist. Und man muss schon sagen, damit traut sich die BBC was. Nicht nur, weil man darüber streiten kann, wie absurd manche der Geschichten sind, sondern auch, weil der Leading Man der „The Omnisexual Captain Jack Harkness“ ist – gespielt von John Harrowman. Der Charakter ist der Held der Geschichte. Nun kann man sagen, schick, so progressiv, bindet Tralalla und Trulalla an das Format. Aber ganz so einfach ist es nicht. Seine Sexualität ist nicht nur Staffage, sondern ein zentrales Motiv der Reihe, die (man will es kaum glauben) ernst porträtiert wird und (jetzt würde jedem deutschen TV-Redakteur flau im Magen werden) als Selbstverständlichkeit von den Autoren behandelt wird. Das Wichtigste: es ist gute Unterhaltung, die Serie ist grell, balanciert immer auf dem schmalen Grad von Kitsch, Trash und ernsthaftem pre-apokalytischen Drama. Konzipiert als Format, das sich eher an Erwachsene als an die Familienserie DOCTOR WHO richtet, kommen auch Blut, Tod und das unvermeidliche Ende von Allem, nicht zu kurz.
So jetzt ist mir aufgefallen, dass ein Satz ausgereicht hätte. Denn wenn DOCTOR WHO die beliebteste Familienserie in Großbritannien ist während hierzulande die Menschen vor dem ostzonalen 50er-Jahre Re-Cap-Serie IN ALLER FREUNDSCHAFT kapitulieren, ist eh schon alles gesagt.
Schauen Sie doch einmal bei TORCHWOOD rein. Die Qualität der einzelnen Episoden schwankt mitunter beträchtlich – von genial bis hirnrissig. Aber das Konzept ist mutig und macht Spaß.
