Donnerstag, 21.02.2008
00:31 » In der U-Bahn mit den Coens

Lange Zeit dachte ich, die größte Angst, die mein Spatzenhirn lahmzulegen imstande ist, sei die Angst vor Krankheiten, Hypochondrie, schön gepflegt, mit Panikattacken nachts um Drei, Herzrasen, pochenden Kopfschmerzen, plötzlich ertastbaren Knoten, eben die ganze Palette pathologisch bedenklicher Einbildungskraft. Seit ich aber vergangene Woche diesen jungen Mann in der U-Bahn unserer Hauptstadt gesehen habe, der mit wirrem Blick an den Messingschnallen seiner Bree-Tasche nestelte, die Schnappschlösser mehrfach auf, dann wieder zuspringen ließ, und die benachbart niedergelassenen Fahrgäste der Reihe nach anstierte, als würde er sie einer gedanklichen Ausmusterung unterziehen, weiß ich, wovor ich am meisten Angst habe: vor Amokläufen.

Mein erster Gedanke, als sich die diffusen Eindrücke dieses unsympathischen Zeitgenossen zu einem Gesamtbild zusammensetzten, war, dass ich hier raus will, bevor der Typ die Streubombe wirft. Mein zweiter Gedanke war, dass ich hier jetzt unmöglich ausflippen kann, schließlich glaubt außer mir sowieso keiner daran, dass der nervös agierende ÖPNV-Terrorist gemeingefährliche Züge trage, ich also alleine auf weiter Flur mit meiner überstürzten Flucht in die hinteren Waggonbereiche wäre, ich mich deswegen den abschätzigen Blicken der anderen Fahrgäste aussetzen müsste, was ehrlich gesagt die Höchststrafe wäre: gesellschaftliche Ächtung, kurz bevor man in Stücke gerissen wird. Schlimmer wäre wahrscheinlich nur, in einem vollbesetzten Konzertsaal an einem Blaseninfarkt zu sterben, nur weil man zu schüchtern war, den Nebenmann zu fragen, ob man mal kurz durch dürfte, um die Toilette aufzusuchen. Mein dritter Gedanke schließlich war: "Friedrichstraße, Ausstieg links". Gut, das war nicht mein Gedanke, das war eigentlich niemandes Gedanke, nur die leicht leiernde Stimme der U-Bahn-Durchsage. Trotzdem machte ich mir in diesem Moment das automatisierte Gedankengut vom Band zu eigen und verließ den Waggon. Als die Bahn weiterfuhr, beobachtete ich den Schnallenknipser durch die Scheibe. Er war gerade wieder dabei, die Mitfahrer zu begutachten. Hoffentlich gerät er nicht darüber in Rage, dass ich nicht mehr da bin, schoss es mir als vierter Gedanke durch den Kopf. Zwangspatienten sollen sich ja besonders durch Unregelmäßigkeiten aus der Reserve locken lassen. Hatte ich meine direkten Mitfahrer, die leer blickende Rentnerin mit dem lila Lodenmantel und die beiden angeödeten Handymädels mit Jambajieper, durch meinen verfrühten Ausstieg etwa dem launenhaften Gutdünken eines Psychopathen anheim gestellt? Kommt durch den Schacht, in dem der letzte Waggon gerade verschwunden ist, gleich die Rückstoßwelle?

Offen gestanden kamen diese Gedanken nicht von ungefähr. In einer überregionalen Tageszeitung hatte ich eine Stunde zuvor einen ausführlichen Bericht über den neuen Coen-Brothers-Film, "No Country For Old Men", gelesen. Darin wurde eingehend beschrieben, mit welcher humorlosen Gleichgültigkeit sich Javier Bardem als Auftragskiller durch die Prärie metzelt. In seiner linken Hand trägt er eine Sauerstoffflasche, die rechte hält ein Ventil, aus dem er mit überhöhtem Druck Scharfschüsse abgeben kann, zwar ohne Kugel, aber nicht minder effektiv. Über Leben und Tod der Menschen, die seinen Weg kreuzen, entscheidet er mittels Münzwurf. Immerhin soll er sich, so der potenzielle Delinquent sich für die richtige Seite entscheidet, an seine eigenen Regeln halten. Die lakonische Grausamkeit, mit der der Artikel den Ton des Films wiederzugeben verstand, verfehlte seine Wirkung nicht. Deswegen stand ich plötzlich am Bahnhof Friedrichstraße, obwohl ich eigentlich erst Zoo hätte aussteigen müssen. Und immer noch keine Rückstoßwelle. Verdammt!

Gestern habe ich dann endlich die Bilder zum Artikel gesehen. Der Film ist nicht annähernd so widerlich, wie mich der Zeitungsbericht vermuten ließ. Im Gegenteil: Die unterschwellige Ironisierung, mit der die Coens jedes Gespräch inszenieren, das Bardem mit möglichen Opfern führt, ist erschreckend dümmlich, nichts weiter als epische Gewaltschilderung, die eher cool denn aufrüttlerisch sein will. Am Sonntag gibt's dafür den Oscar. Dann hat die Tarantinisierung des Hollywood-Kinos endgültig das Establishment erreicht. Sicher, der Film ist besser als jeder Quentin-Dumpfsinn (ausgenommen natürlich Jackie Brown), vor allem ist das Thema der Vorlage, die stoische Ausgeliefertheit vor dem Leben, in das man hineingeboren wird, ein Subtext, den Tarantino, der alte Sexheft-Lüstling, erstmal reflektieren können müsste, bevor er darüber einen Film macht, geschweige denn einen guten.
Aber dieser Neo-Minimalismus, der momentan schwer in Mode kommt, der Schauspieler lieber minutenlang in die Landschaft starren lässt, als sie einen geschliffenen Dialog sprechen zu lassen, ist ermüdend, vor allem wenig innovativ, weswegen ich die Aufregung um den Coen-Film nicht im Mindesten begreife. Ist es die zelebrierte Kaltblütigkeit, die ganz Amerika fasziniert? Dann wäre es bloßer Reaktionismus, der die Menschen ins Kino treibt. Vielleicht ist es aber auch die Story: Mann findet Geld, nimmt es an sich, wird deswegen verfolgt und dauernd wird geschossen. Okay, die Story ist es wohl auch nicht! Es ist, und das wird mir im Zusammenhang mit meiner U-Bahn-Episode bewusst, das wohlige Gefühl, Angst haben zu können, nur um am Ende dem Zug dabei zuzuschauen, wie er ohne einen in der Tunnelröhre verschwindet. Man wartet auf die Rückstoßwelle. Wahrscheinlich ein Leben lang. Glaubt man den Coens, steckt man sich dann lieber gleich die Mündung in den Hals.
DerSven | Link | 1 Kommentar | Ordner: Alltagslap(p)alien

1 Kommentar

  1. Tod Spango am 21.02.08 - 12:45

    au ja: herr g. läuft AMOK!!!


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