Mit Musicals ist es so eine Sache. Vieles wurde da zerstört. Andrew Lloyd Webber ist für dieses Genre das, was Michael Bay für den Actionfilm ist.
Reißbrettartige Langeweile, herausgehämmert aus dem kleinsten gemeinsamen Nenner, aus entfremdeten Interaktionsnetzen für Vollidioten. Singende Katzen, sprechende Lokomotiven, weinende LKW-Roboter aus dem All und Ben Afflek als Pilot! Ich bitte Sie! Wer will denn so etwas sehen? Genug. Die gleichen, die sich auch halbjährig ein überteuertes Essen leisten, das ihnen lustige Akrobaten servieren. Die gleichen, die bei den Songs von Disney-Filmen weinen. Die gleichen, die Tim Mälzer für einen guten Koch halten und die Witze von Mario Barth lustig finden.
Entfremdungseffekt nennt man das wohl. Konflikte herunter gebrochen auf Kindergartenniveau, hinausgejault von affektierten Musicaldarstellern, die einem die Sitzkissen weichplärren können.
Da denkt man: was die Katzen können, kann ich längst! Oder: wenn die Schrottlok gegen den ICE gewinnt, muss ich mich nur a bisserl anstrengen. Das führt dann zu Batikkursen an der Volkshochschule (Selbstverwirklichung ausgelöst durch Angelika Milster) und einer sinnlosen Mitgliedschaft bei den Weightwatchers (hier hat Herr Webber die Gleise umgelegt), um dem bulimischen Mädchen mal die Stirn zu zeigen. Teuer erkauft, aber freiwillig. Von mir aus kann jeder so oft wie er will eine Wochenendtour machen, um die Premiere vom Disneys Glöckner von Notre Dame in der Musicalversion zu sehen. Es sind zwar die Picket Fences, die blümerant die Hölle von der Restwelt trennen. Aber es steht eben jedem frei, sich die Vorgärten selber auszusuchen, in die er zu kacken pflegt.
Nun aber zu Sweeney Todd...
Hier gibt es natürlich auch ein paar Identifikationsfiguren. Allen voran Johnny Depp, der nach fünfzehn Jahren in das beschauliche London zurückkehrt, um klar Schiff zu machen.
Einst mit einer schönen Frau verheiratet, mit ihr zusammen glücklich und mit ebenso entzückendem Kind zusammenlebend, wurde ihm alles entrissen. Aus purer Gier und Geilheit hatte ein einflussreicher Richter ein Auge auf seine Herzensdame geworfen und, um freies Geleit zu haben, Benjamin Barker wegschließen lassen.
Klingt alles einfach und klischeehaft? Sicher. Das ist es auch. Nur werden die grob gemeißelten Charaktere von hochkarätigen Schauspieler verkörpert, die eingebettet in eine düstere frühindustrielle Traumwelt ihre persönliche Apokalypse sehr stringent vorantreiben.
Herr Depp war noch nie so gut wie hier: endlich spielt er fernab von jeglicher Niedlichkeit und stellt schon mit dem ersten Blick klar, dass es kein Entrinnen gibt. Keine Hoffnung. Sein zerstörtes Leben wird er nie wieder erlangen. Er wird tiefer in den Nebel des schwülen, menschenfeindlichen Londons eindringen und die Straßen mit Blut tränken.
Unterstützt wird er von der reizenden Frau Bonham-Carter, längst zu Frau Burton aufgestiegen und von ihm zu seiner liebsten Phantasiegestalt umgeknetet. Sie verfolgt ebenfalls einen waghalsigen Plan, von dem man ebenso von Beginn an weiß, dass er scheitern wird.
Das Böse kommt in Form von Herrn Rickman und näselt sich angemessen arrogant durch die feuchten Pflastersteine auf der Fleet Street. Lüstern beäugt er seinen persönlichen Traum, der mit der Gefangennahme von Benjamin Barker begonnen hat und kurz vor seiner Erfüllung steht. Auch hier gilt: das Scheitern wird vernichtend sein.
Ihm zur Seite ein glänzend aufgelegter Herr Spall, der freudig unter Beweis stellt, dass der Assistent des Teufels seinem Chef oft überlegen ist. Vor allem, weil das Böse für ihn die einzuge Möglichkeit bleibt, nicht von der Wirklichkeit weggespült zu werden. Diese wird auch über ihn blutig hereinbrechen. So viel steht schon bei seinem ersten ausgeführten Schlag fest.
Und diese ganzen Herrschaften singen auch noch. Und ja, man kann es ihnen nicht nur verzeihen (anders als bei der Babse aus der Klapse), man kann es sich auch anhören.
Was immer gelungen ist: Die Geschichte im Fluss zu halten. Ein paar der Lieder unterbrechen den Erzählfluss und verwässern, vor allem bei den Balladen, die - für Burtonsche Verhältnisse – ausgesprochen gut umgesetzte Dramaturgie. Was an dem Drehbuch von Herrn Logan liegt. Von meiner Seite hätte die jungen Darsteller nicht unbedingt zwitschern müssen. Aber alle geben sich redlich Mühe.
Man mag sich kaum ausmalen wie viel Herr Depp geübt hat. Frau Bonham-Carter ist entzückend genug, die muss nicht singen können. Auch Herr Rickmans Stimme ist eher für das Sprechen gedacht, da macht es nichts, wenn er auch mal sprechsingt. Vielleicht ist es sogar genau der richtige Kompromiss. Rickman macht Sprechgesang.
Hier wird mit Talent geklotzt: Dante Ferreti entwarf ein Design, das Herr Burton sich niemals alleine im Traum hätte ausdenken können.
Und hier geht es um Leben und Tod: keine Kompromisse. Mehr Blut war selten in einer Musicalverfilmung zu sehen.
Sieht man bei Herrn Webber eine dröge Maske, setzt Herr Sondheim auf Menschenfrikadellchen.
Und Herr Burton ist sich fein genug, das auch schön auszukosten. Hier kann Herr Mälzer noch etwas lernen.
Für Volkhochschüler ist das nichts, auch für Fans vom Cirque de Soleil gibt es hier nichts zu staunen. Und die Pies von Frau Bonham-Carter punkten auf der ganzen Linie. Keine Chance für Diät-Selbsthilfegruppen.
Das ist die Qualität. Und die sollten Sie sich mal ansehen.
Attendez Medames et Messieurs: die Musicalschlacht für Fortgeschrittene…

(editiert: 14.01.08 - 16:03)
(editiert: 14.01.08 - 18:31)
(editiert: 15.01.08 - 16:55)