Samstagabend, irgendwo zwischen 20:00 und 21:00 Uhr: Ich lasse ein paar Drones aus dem Kasi durch meinen Keller kreisen, nachdem klar geworden ist, daß sich das Samstagshörspiel im Radio als außerstande erweist, mich für sich zu vereinnahmen, und mühe mich redlich, auch die allerjüngste Vergangenheit zu rekapitulieren.
War heute zum Kaffeetrinken bei meiner Oma. Wie sie sich gefreut hat, wie sie meint: „Haste schon gehört? Wir haben einen neuen Trainer“, wie ich erwidere: „Wir haben keinen neuen Trainer, Oma...“, wie sie präzisiert: „Nee, wir nicht. Aber die Bayern“ – die 0-Serie eines Perpetuummobiles der Verständigung. Meine Oma kann Lippen lesen.
„Schöne Locken hast Du. Sind die Natur? Wann warste denn zum Haareschneiden?“
„Kann ich Dir genau sagen, Oma: 2. August 2007. Das ist Natur. Ich nenne es aber lieber Wellen statt Locken.“
Souverän leugnet sie die Kenntnis des von ihr Erfragten. Dabei weiß sie doch, daß meine Haare ab einer gewissen Länge wellig werden, hat sie doch sämtlichen meiner Frisurverbrechen der letzten Jahre irgendwie beigewohnt. Vielleicht ist jedoch gerade das der Beweggrund ihrer Frage.
Sunn 0))), White 2: Die Klänge von der CD haben keine für mich erkennbare Struktur. Es geht scheinbar einzig darum, die Gitarre so tief zu stimmen und den Verzerrer so weit aufzudrehen, wie es eben geht. Haptisches aus der Konserve. Reizverschiebung vom Ohr auf den ganzen Körper. Das Gemüt wird längst nicht mehr affiziert. Sehr gut.
Die CD habe ich irgendwann 2006 vom unglaublichen H. bekommen. Den rufe ich umgehend an, um zu fragen, wie es um die am Vorabend geschmiedeten Pläne steht. Elektro bei den selbsternannten Linken. Man beschließt einvernehmlich, einen coup d’oeil zu wagen.
Also rüber über den Fluß und zwar in Erwartung von Wohlbefinden an vertrautem Orte. Stattdessen wird’s zu einem Einsatz hinter den gegnerischen Linien.
22:32 Uhr. Am Einlaß Eintrittspreis entrichten, abgestempelt werden, Bier erwerben. Auf geht’s. H. schon da? Ma gucken...
Vorne nicht. Also ab weiter durch in die Halle.
Uff!
Was ist das?
Alle außer mir tragen Schwarz. Passiert auch nicht oft in letzter Zeit...
Die Blicke aller Anwesenden sind auf die Bühne gerichtet, wo das Derwischen Verwachsener an Reglern irgendwelcher elektronischer Gerätschaften in einen mythischen Zusammenhang mit dem Geräusch aus den Boxen an den Wänden tritt. Sehr strukturiertes Geräusch. Für meinen Geschmack nachgerade überstrukturiert. Gebeamert wird überdies und dies gottseidank über meinen in Wand- und Türnähe Deckung suchenden Kopf hinweg. Es gibt also eine Szene.
Der androgynen Kreatur mit dem blondhaarigen Iro, die nicht wirklich entspannt (Ja, wie denn auch bei diesem Lärm?) neben mir lehnt, fällt zum wiederholten Male die unlässig hinter’s Ohr geklemmte Filterzigarette zu Boden. Ich merke das immer erst, wenn sie diese mit einer Geste aufhebt und zurückklemmt, die jeglicher Idee von Geschmeidigkeit Hohn spricht. Gesten sind überhaupt ein Thema hier. Als mein Rauchentschluß zur Tat gerinnt, erbittet sie - gestisch freilich - Feuer. Mir ist das eigentlich schon zuviel Interaktion. Aber weil Mitleid bekanntermaßen der einzige Stolz der Schwachen ist, nutze ich die Gelegenheit, mein Stolz- und Schwächekonto zu liquidieren. Feuer frei!
Die beiden Trottel vor mir gäben rein optisch zweifellos auch in der Fußgängerzone von Halberstadt eine gute Figur ab. Gesprächsfetzen in der Pause zwischen zwei Geräuschkollagen: "Früher hab‘ ich davon vier Stück auf einmal gefressen und zwölf Stunden durchgetanzt. Schlimm war nur die Depression am nächsten Tag.“
Daß nur die schlimm war, möchte ich bezweifeln. Aber wie gesagt: Keine Interaktion bitte! Das Gemüt wird affiziert.
Aufdruck auf einem schwarzen Pulli: „DESTROY POWER – NOT PEOPLE!“
Das kann man auch anders sehen. Langsam frage ich mich, wer hier unter Faschismusverdacht gerät...
Es war ein Fehler, hierher zu kommen.
Das Telefon klingelt. H..
„Wo bist Du?“
„Bin da.“
„Du bist drin? Ich stehe davor.“
„Warte. Ich komm raus.“
H. und ich bestätigen einander, daß er alles richtig gemacht hat, nicht auf’s Geratewohl reinzugehen. Verhandlungen mit dem Türsteher, sich vor dem Entrichten des Eintrittspreises einen Überblick über das sich im Inneren Zutragende zu verschaffen, hatten sich als nach dessen Gusto zu wenig ertragreich erwiesen.
Fascho!
H. verabschiedet sich in die Stadt, ich gehe ihn versichernd, die Heimfahrt keinesfalls später als in zwei Bierlängen anzutreten (was unter den gegebenen Umständen sehr bald sein wird), wieder rein.
Die Rückkehr nach frischer Stärkung durch den Kontakt mit einem Vertrauten, entdeckt mir indessen nicht, daß es drinnen auch nur einen Deut besser geworden wäre. Mitleid ist der einzige Stolz der Schwachen? Hier ist keiner schwach.
Als ich mich kurz darauf anschicke, mein zweites Bier zu kaufen, bemerke ich, daß nun auch der Typ da ist, der mein Hühnchen gerupft hat. Die Art, wie er sich vom Eingang aus hinter dem Tresen entlang behutsam ins Getümmel begibt, demonstriert Zugehörigkeit. Wozu auch immer.
Betulich beugt er sich zum Gespräch mit einer an der Wand Stehenden und versperrt meinem Bier und mir den Weg zurück in die Halle. Beim ansonsten glückenden Versuch, mich um ihn herum Richtung Tür zu schälen, fange ich einen konsternierten Blick und streife seinen Ellbogen. Ja, Mann, ich bin real. Mehr Ausdruck gibt’s von mir heute nicht. Hoffentlich war das jetzt keine Interaktion.
Nachdem nunmehr die Wahrscheinlichkeit sprunghaft gestiegen ist, daß es bald schon zu noch deutlich nervtötenderen Nichtinteraktionen mit anderen kommen könnte, sind das Schicksal des Bieres besiegelter und der geordnete Rückzug angetretener denn je.
Bald schon endlich draußen. Es ist spürbar kälter geworden. Aber noch nicht kalt genug.

(editiert: 14.01.08 - 08:33)
(editiert: 14.01.08 - 23:34)