Mittwoch, 09.01.2008
19:48 » Unterwegs angekommen
„Und wenn die Wirklichkeit Dich überholt
Hast Du keine Freunde, nicht mal Alkohol
Du stehst in der Fremde, Deine Welt stürzt ein
Das ist das Ende, Du bleibst allein“

Fehlfarben: gottseidank nicht in england (1980)

Die Band ist Geschichte.
Habe am Hauptbahnhof den Bus Richtung Krankenhaus bekommen. Als ich ihm kurz vor halb vier an meiner Haltestelle entsteige, ergreift mich eine Anmutung von Frühling. Nachdem es den ganzen Tag geregnet hat, bricht die wärmliche Sonne kurz durch die öde Wolkendecke und wirft irgendwo hinter mir tief vom Himmel, der die Erde einmal mehr nicht still geküßt hat, meinen langen Schatten auf den gepflasterten Weg herab. Ein gerader Weg. Früher stand dort eine Sauerkrautfabrik direkt gegenüber dem Haus, in dem ich wohne. Übler Gestank ehedem. In letzter Zeit bin ich unverhältnismäßig gern hier.
Mein Lebensmittelpunkt liegt auf der anderen Seite des Flusses, aber gewohnt wird hier. Tagtägliches Mäandern auf die andere Seite und zurück, Kräftespiel der Verortung, Fluch und Segen. Momentan eher Segen. Dazwischen gibt es nichts. Wenn man sich von jemandem entfernen muß, um auf Schlagdistanz zu gehen, ist wohl Nähe im Spiel gewesen.
Vollkommen erschöpft und hellwach. Dazwischen gibt es etwas: mich. Bin beides. Trotzdem wär’n Kaffee jetzt Labsal. Scheiße. Kaffeedose leer. Kampfrauchen ohne Gegner beginnt, bis eine Elster das Kaninchen auf dem Rasen direkt vor dem weit geöffneten Fenster der Souterrainwohnung durch bloße Präsenzbehauptung verscheucht. Die moderne Gesellschaft leidet nicht länger an den Widersprüchen des Kapitalismus, weder in der Sache noch intellektuell. Häh? Machen die Kieselsteine vor’m Fenster Geräusche? Vielleicht doch besser kurz hinlegen.
Als es bereits dunkel geworden ist, weckt das Telefon. Mama. Möchte wissen, wieso ich mein Handy ausgeschaltet habe.
Weil ich zu Hause bin, Mama.
Ist alles o.k. bei Dir?
Ja, Mama. Alles in Ordnung.
Bist Du schon zurück aus der Uni?
[Ein Offenbar läge nun in der Luft, wäre heute nicht alles ein wenig anders.]
Ich war heut nicht in der Uni.
Nicht?
Nein.
Du warst nicht in der Uni, und dein Handy ist aus. Muß ich mir Sorgen machen?
Nein, Mama. Alles in Ordnung.
[Ob sie dieser Satz so beunruhigt?]
Gespräch neigt sich seinem Ende zu.
Anschließend prügele ich auf ein Musikinstrument ein. Habe neue Saiten aufgezogen.
„Wake up
Face me
Don’t play dead
Cause maybe
Someday
I will walk away and say
You fuckin‘ disappoint me
Maybe you’re better off this way“
Das Telefon klingelt. Mama. Möchte wissen, ob ich gerade zweimal bei ihr habe klingeln lassen. Ich verneine wahrheitsgemäß. Ob ich wohl ihre Sorgen im letzten Telefonat erfolgreich besänftigt habe? Langsam mache ich mir Sorgen...
Nun braucht’s ganz unzweifelhaft dringend Kaffee. Also rüber ins Konsumparadies. Prima leben und sparen. Wird denn unser Erdenrund nur von Halbgescheiten und Toren bevölkert? Die emotionale Distanz zu unserer Mutter Erde, in die mich diese ganze Discountsituation zwingt, belohnt mich mit der reifenden Idee, mir schnell noch eine Pappschachtel Astronautennahrung aus dem Tiefkühlkasten zu schnappen. Bevor die frisch erlegte Beute auf dem Kassenband einen Kaufvertrag rechtswirksam werden läßt, darf der Kaffee nicht vergessen werden.
Inzwischen kristallisiert sich Programmatisches für den heranbrechenden Abend heraus: Trinkunlust und Vernunft feiern heute gemeinsam ein unterkühltes Fest. Daher kann es auch nicht schaden, ein alkoholfreies Mischgetränk an den Ort meines halbunterirdischen Wirkens zu verschleppen: Cola küßt Orange. Na bitte! Zumindest das, wenn schon nicht der Himmel die Erde...
Werde nun die noch ausstehenden Strophen von Celans Todesfuge auswendig lernen.
Völkermord, Tod und Liebe.
Kaffee, Kippen, Cola küßt Orange.
Die moderne Gesellschaft klagt nicht länger auf hohem Niveau, weder materiell noch sonstwie.
Sollte das Telefon klingeln, geh‘ ich, glaub‘ ich, nicht dran.

2 Kommentare

  1. Holg am 09.01.08 - 22:27
    (editiert: 09.01.08 - 23:31)
  2. fab am 10.01.08 - 13:27
    (editiert: 10.01.08 - 14:27)

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