Montag, 17.12.2007
23:29 » der pöbel, likörchen und spangö
Manchmal findet sich im noch geaustschen Spiegel ein guter Artikel. Etwa einer unter 503 Beiträgen hat noch was zu sagen.

Wie der über die hunderjährigen Damen, wie diese die Welt empfinden, welche Erwartungen sie haben und welche Lebenserinnerungen sie umtreiben. Das war toll. Einblicke in wertvolle Gedanken, die es in sich haben. Durch sich und nicht durch von außen reingeschimmelte Scheiße.
Nun, ich fühle mich zwar nicht wie ein Hundertjähriger. Es ist eher so, dass ich mich wie ein Mitte sechzig Jähriger fühle, dem immer noch der Gedankenschatz eines Kindes hinterher rennt. Selbst der erreicht mich nur bei klaren Wetterverhältnissen. Wenigstens fällt das noch nicht so auf. You never get what you see – könnte man sagen.

Und hier der doppelte Beweis: erstens trage ich aus Trotz fast nur s. auch wenn das mitunter etwas spannt und sich ganze Volksgruppen darüber in irrem Gelächter üben. So lange es nicht reißt, kann man es dehnen. Und Dehnung tut gut. Ansonsten geht man so gebückt.

Zweitens sitzt gerade mit mir in der Bahn eine hackendichte Frauengruppe. Die Gruppe denkt – bzw lallt kollektive Irrungen ins Abteil. Täuschungen, die wohl aufgrund vieler Enttäuschung gerne abgenickt werden. Eine brüllt, nachdem sie sich hingesetzt hat:

Wenn es später geworden wär’ hätte ich mir den kleine italienischen Kellner geschnappt.
(dann winkt sie unauffällig mit dem ganzen Gesicht in meine Richtung und versucht zu flüstern)
Oder ich nehme den…
Daraufhin setzt sich eine weitere so hin, dass sie mich sehen kann und schaut heftig grinsend, den Eierlikörcocktail nur mühsam innen haltend, zu mir herüber und sagt blitzgescheit:
Ach der, der mit der Brille – der sieht aber lieb aus…und so jung.
Dann beugt sich die Erste zu ihr herüber und sagt:
Gut, dass der Musik hört.

Nun ja. Ich höre keine Musik und trage keine Brille, bin aber der einzige Mitpassagier. Insofern habe selbst ich den Trick der Damen entlarvt.

Und Sie erkennen: doppelt geirrt. Ich bin weder besonders liebreizend, noch jung. Aber Frauen Mitte dreißig sind vor nix fies, wenn sie in der Happy Hour einen „Sex On The Beach“ zuviel getrunken haben. Trinken ist halt nicht machen. Da nimmt man gedanklich was einem im Weg sitzt.

Warum gibt es kaum Hundertjährige, die als Hooligans den ÖPNV heimsuchen, wenn Spango auf dem Weg nach Hause ist? Richtig, die habens raus und es nicht mehr nötig, sich qua Gruppe ein wenig Selbstbewusstsein anzutrinken. Heute hat der FC gespielt und nach so einem Spiel halten die hirnlosen Vollidioten immer die Bahnen auf, damit die mitschreiende Restrotze auch noch den Waggon zubrüllen und olfaktorisch entstellen kann. Damals bei der, ach so friedlichen geschasst mit Freuden WM, im letzten Sommer, hat es mich schon dermaßen genervt. Diese Überzeugung, dass, nur weil Tausende zusammen saufen und in die Hecken pissen, ohne sich den Kopf abzureißen, das Universum zu einem Hort des Pazifismus geworden wäre. Ist es nicht. Wird es nie. Vor allem nicht durch diese Proleten. Eine Gruppe, die mit einem Lächeln stahlhelmimitationen tragende Mitfans, die die Nationalhymne ganzstrophig singen, anfeuert. Nun werden Sie vielleicht sagen: ach was! Einzelfälle! Da sage ich: weit gefehlt, denn jeden zweiten WM-Tag am Kölner HBF höchstselbst beobachtet.

Lina Haag, eine der Hundertjährigen sagt: „Die Frauen müssen den Pazifismus hochhalten, das ist mein Glaube, und der hält ein Leben lang.“ Und weiter sagt sie, dass das Wichtigste ist, „Dass man einen Kameraden hat, man nicht alleine ist.“ So ist das wohl, man braucht eben hundert Jahre, um diese Essenz herauszufinden, die für unsereins wie eine Binsenweiheit, unterfüttert durch einen idealistischem Einschlag, klingt. Auch ich kann nur bedingt folgen, weil ich seelisch ein Kind gewandet in einen faltigen, aber gut sitzenden Mantel bin. Aber ich glaube daran. Es wurmt mich, dass die Frauen, die zum Teil auch Mütter sind, nicht genug Kraft erhalten, ihre Brut zu starken Persönlichkeiten zu machen. Eine, die in einer Gruppe Individuum bleibt. Aber genug davon.

Ach guck mal, jetzt packt er ein…
Meinste echt, der ist ein Netter? Niedlich schon, aber ich weiß nicht...

Ja, Spango packt. Der Mann ohne Brille ist angekommen. Übrigens, sollten wir uns mal über den Weg laufen und ich schaue etwas seltsam. Wie eine Haselmaus, die aus der Winterruhe hochgeschreckt ist, dann verwechseln Sie es bitte nicht mit niedlich. Ich hatte wohl wieder nur zwei Kölsch…

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