Ein wohliges Hallöchen allen vor den Bildschirmen,
es ist mir eine besondere Freude, unsere neu hinzugewonnen Leserinnen und Leser, ja, mehr noch: Freundinnen und Freunde im Rheinhessischen herzlichst willkommen zu heißen: Narhallamarsch!
Mir ist aufgefallen, daß hier auf dieser Seite noch nie jemand einen Eintrag zum Thema Scheidenpilz [lat. Vaginalmykose] publiziert hat. Das mag die/der eine oder andere als klaffende Lücke im Themenkorpus des bisher hier Dargebotenen empfinden; heute ausnahmsweise eher traditionsverbunden gestimmt, kann das aber nach meinem Gusto auch gern so bleiben.
Entstellungen des Daseins indessen waren schon des öfteren ein Thema hienieden.
Wie nach diesem Beginn den Bogen schlagen?
Letzte Woche Mittwoch wurde ich zur Kaffeekippenpause an der Hochschule von meiner Bekannten P. mit folgendem Gesprächsangebot begrüßt:
„Hallo. Ich bin so aufgeregt. Hab‘ mir doch eben die Querflöte gekauft, die’s bei real im Angebot gab.“
Toll. Sätze, die viel zu selten gesagt werden und daher dazu verdammt scheinen, unangemessen beiläufig zu klingen.
„Zeig mal!“ – „Boah geil. Querflöte find ich total super. War gestern beim Jazz. Da war auch wieder dieser Juchti mit der Querflöte, der so geil spielt.“
„Was ist denn ein Juchti?“
Jetzt wird’s fast Wittgensteinisch: Man bekommt irgendwann den prototypischen Juchti gezeigt, aber wenn’s daran geht, denselben in seine einzelnen qualifizierenden Bedeutungsmerkmale zu zerlegen, wird’s unweigerlich heikel...
„Ein Juchti halt. Hm. Jemand, der sein T-Shirt in die Jeans steckt, auch wenn er nix darüber trägt außer einem Seitenscheitel. Jemand, der so’n bißchen – na was ich halt auch bin – ist. Wie heißt das Fremdwort, wenn Körperbau und Stoffwechsel eine Mesalliance eingehen, die dazu führt, daß der Betroffene immer unterernährt aussieht, egal wieviel er ißt?“
Allseits keine Lösung in Sicht. Hab’s dann später recherchiert. Wo? Klar: Da!
Leptosom.
Dazu hat, wie ich im Zuge dieser Recherche in Erfahrung bringen durfte, irgendwann einmal er gearbeitet: Ernst Kretschmer.
Kennt Ihr nicht? Haha! Ich auch nicht – zumindest nicht bis letzte Woche. Seither ist mein Leben reicher.
Einer der großen Fastvergessenen der Wissenschaftsgeschichte, dessen Arbeit zu menschlicher Konstitution und physisch-psychischer Typengliederung so nachhaltig wirkt, daß sein opus magnum „Körperbau und Charakter“ (1921) in inzwischen 26. neubearbeiteter und erweiterter Auflage in der Abteilung Sportwissenschaft der Bibliothek zu finden ist. [Diejenigen, deren Sensorium bei Titel und Erstveröffentlichungsdatum des Werks anschlägt, seien auf den Wiki-Artikel zum Autor verwiesen. Der Junge scheint in der schlimmen Zeit sauber geblieben zu sein. Denjenigen, deren Sensorium bei der Vorstellung, ich hätte freiwillig die Bibliothek aufgesucht, anschlägt, sei gesagt, daß ich mich in letzter Zeit oft selbst nicht wiedererkenne...]
Daraus möchte ich eine längere Stelle zitieren, um Kretschmer
a) den späten Tribut zu zollen, der ihm m.E. gebührt
b) wilde Mutmaßungen anzustoßen, weshalb er wohl den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 1929 doch nicht erhalten hat. Meine These: Er hätte auf jeden Fall den für Literatur dazukriegen müssen.
Also: Man erwartet in Kapitel 18 von wissenschaftlicher Sachlichkeit geprägte Fachinformation darüber, wie das denn jetzt so ist mit den Schizoiden, als Kretschmer seine Pathoskanone durchlädt und schier wahllos auf alles ballert, was nicht bei drei auf den Bäumen ist:
„18. Die Schizoiden
18.1 Allgemeines
Zykloide Menschen sind schlichte, unkomplizierte Naturen, deren Fühlweise direkt, natürlich und unverstellt an die Oberfläche steigt, so daß sie im allgemeinen bald von jedermann richtig beurteilt werden. Schizoide Menschen haben eine Oberfläche und eine Tiefe. Schneidend brutal oder mürrisch dumpf oder stachlig ironisch oder molluskenhaft scheu, schallos sich zurückziehend – das ist die Oberfläche. Oder die Oberfläche ist gar nichts; wir sehen einen Menschen, der wie ein Fragezeichen uns im Wege steht, wir fühlen etwas Fades, Langweiliges und doch unbestimmt Problematisches. Was ist die Tiefe hinter all diesen Masken? Es kann ein Nichts sein, das schwarze hohläugige Nichts – affektive Verblödung. Hinter einer schweigenden Fassade, die ungewiß in verlöschenden Launen zuckt – nichts als Trümmer, schwarzer Schutt, gähnende Gemütsleere oder der schneidende Hauch der kältesten Seelenlosigkeit. Wir können es aber der Fassade nicht ansehen, was dahinter ist. Viele schizoide Menschen sind wie kahle römische Häuser, Villen, die ihre Läden vor der grellen Sonne geschlossen haben; in ihrem gedämpften Innenlicht aber werden Feste gefeiert.
Die Blüten schizophrenen Innenlebens kann man nicht an Bauern studieren; Könige und Dichter sind gerade gut genug dazu. Es gibt sodann schizoide Menschen, mit denen wir 10 Jahre zusammenleben können und dürfen nicht sicher sagen, daß wir sie kennen.“
[Quelle: Kretschmer, Ernst: Körperbau und Charakter. Untersuchungen zum Konstitutionsproblem und zur Lehre von den Temperamenten. 26. Auflage, Berlin/Heidelberg/New York 1977, S. 214.]
Wow!
Lest Ernst Kretschmer! Gründet leptosome Jazzcombos! Feiert feste in Eurem Innern! Im Ernst! Oder sonstwo...

(editiert: 05.12.07 - 01:51)