Oft ist es ja erfahrungsgemäß so, daß Abende, von denen man nicht viel erwartet, besonders schön werden. Noch öfter so, daß man nichts von ihnen erwartet und sie dieser Erwartungsbildung auch vollends genügen. Ich befinde mich, was den heutigen Abend angeht, noch in der Klärungsphase.
Mit den Schallplatten der US-amerikanischen Musikgruppe Slayer verhält es sich, soweit ich da bisher einen Einblick gewinnen durfte, ganz ähnlich. Dieser Vergleich kommt nicht von ungefähr, nehmen sich Slayer doch tatsächlich aller Voraussicht nach als der Fluchtpunkt des heutigen Abends aus.
Dies vorweg: Wo auch immer dieser Text und die ihm immanente Einschätzung des heutigen Abends anlangen werden, es soll dies keine Rückschlüsse auf den bisherigen Tagesverlauf nahelegen. Der war nämlich toll.
Ich war bei meiner langjährigen Vertrauten N. und habe ihren auf die goldigste aller denkbaren Arten der Tyrannei zuneigenden, 8 ½ Monate alten Sohn E. zu einer wilden Im-Kinderwagen-Liegerei durch bewohnte Gebiete der Landeshauptstadt gezwungen. Nicht diese spießige Mainstream-Volksgarten-Nummer; Oberbilk und Bahnhofsviertel schienen mir als prägende Eindrücke bestens geeignet, den Kleinen so früh wie möglich der Gefahr zu entheben, irgendwann in ferner Zukunft mit dem Satz „Du bist einfach zu lieb“ aus einer Paarbeziehung ins kalte Leben entlassen zu werden. Obwohl sich diese Gefahr im Falle des kleinen E. als zusehends vernachlässigbar darstellt. Sei’s drum.
Anschließend komplettierten die unvergleichliche U., N.‘s Schwester M. und deren neuer Freund S. die gemütliche Kaffeerunde.
Es sind solche – und nicht nur solche – Anlässe, die Menschen, so sie es nicht bereits längst gewahrt haben, recht unzweifelhaft zu der Einsicht gelangen lassen, daß mir die Lethargie als solche nicht eben fremd ist. Weil auch ich das weiß, habe ich vor einigen Jahren das schöne Wort „Verharrungsvermögen“ ersonnen. Bezeichnet in etwa das gleiche, klingt nur viel positiver, und positiver will ich ja sein. Augenfällig wird das ganze etwa, wenn mir N. die Kaffeetasse anstatt zu den anderen auf den noch weidlich Platz bietenden Tisch, direkt neben die Couch stellt, mit der ich eine Art Symbiose eingegangen bin, die wiederum jegliche Trennschärfe zwischen den beteiligten Organismen (Couch & Fab) jäh vermissen läßt. Meistens werfe ich von dort hin und wieder – zwischendurch halt – einen mehr oder weniger kessen Redebeitrag in die Runde, der in aller Regel nur zwei Zwecke verfolgt:
1.) die anderen auf die vielfältige Anschlußfähigkeit der ihren Themen entströmenden Sinnbezüge aufmerksam zu machen
2.) die anderen des beständigen Vorhandenseins meiner basalsten Vitalfunktionen zu versichern.
Kurzum: Ich bin ein stinkfauler Langweiler, aber die meisten über 21 gewöhnen sich irgendwann daran. Oder auch nicht. Egal.
Das Projekt positive Lebenseinstellung läuft seit wenigen Tagen auf Hochtouren. Integraler Bestandteil desselben ist die Umsetzung des Plans, abends zu Hause keine Düstermusik mehr zu hören. Das hat bisher unerwartet gut geklappt und ist nicht zuletzt der Anwesenheit zahlreicher Tondokumente des zu Unrecht weitgehend der Vergessenheit überantworteten 70er-Jahre Eso- und Stromgitarrenmusikers Steve Hillage in meiner Kemenate zu verdanken.
„t‘was then, when the hurdy gurdy man came singin‘ songs of lurve
hurdy gurdy, hurdy gurdy, hurdy gurdy he sang“
[Angeblich ist eine Szene in Finchers Zodiac mit diesem ursprünglich durch Donovan bekannt gewordenen Lied in der Version Hillages unterlegt. Kann ich nicht bestätigen. Nie gesehen.]
Das klingt zunächst knalldoof, ist aber nur bedingt düster.
Lange bevor ich in den Schoß der Seinsaffirmation zurückgekehrt bin - vor zwei Wochen, um genau zu sein – wurde mir die Freude zuteil, mit M’s Freund S. ein langes und erquickliches Gespräch über Popmusik zu führen. Dabei stellte sich heraus, daß der Gute über eine veritable Metall-Vergangenheit verfügt. Diese, so er, schlage sich auch in seiner CD-Sammlung nieder und er könne sich nur mühsam, wenn überhaupt, mit dem Gedanken anfreunden, daß ich noch nie Slayers Album „South Of Heaven“ gehört hätte. Mir ging’s zu dem Zeitpunkt noch ähnlich.
Das Skurrile an der Sache besteht in unser beider vordergründigen Unverdächtigkeit, der Metallmusik irgendetwas abgewinnen zu können. S. ist fit, schlagfertig, humorvoll und ein Quell nirwanäischer Ruhe. Der Kerl hat seine Buddha-Natur gefunden, und es fällt mir schwer, ihn mir beim empathischen Anhören von Liedern wie „Mandatory Suicide“, „Dissident Aggressor“ oder „Spill The Blood“ vorzustellen.
Meine Metal-Untauglichkeit scheint mir bereits hinreichend herausgestellt, besäße ich nicht durch eine glückliche Fügung des Schicksals die Fähigkeit zum Growlen. Dazu anderenorts mehr.
Heute betritt er also N’s Wohnung, überreicht mir einen Stapel CDs, sagt “Aber die Live Undead ist Scheiße“ (kaum vorstellbar bei Liedtiteln wie „Die By The Sword“, „The Antichrist“, „Evil Has No Boundaries“, „Show No Mercy“ und „Chemical Warfare“) und legt mir noch das eine oder andere Bonbon aus dem Korpus wärmstens ans Herz.
Dabei muß man sich vergegenwärtigen, daß er mit einer schier unglaublichen Ruhe und ohne die Tonhöhe zwischen den Silben zu variieren spricht, dabei aber auf eine zutiefst sympathische und warme Art artikuliert. Vereinbarung des Unvereinbaren. Oder in ein Bild gefaßt: Ein satanischer Buddha verleiht CDs.
Eigentlich wollte ich über Slayer schreiben.
Während ich dies hier schreibe, habe ich „South Of Heaven“ schon zweimal durchgehört. Ganz beachtlich, sage ich mal. Allerdings ist manches doch reichlich vorhersehbar, je länger man hinhört.
Zu „Live Undead“ kann ich S. nur recht geben. Reine Zeitverschwendung.
Ich beende diesen Text jetzt, weil ich mich auf Dark Angel’s „Darkness Descends“ konzentrieren und den nicht näher zu qualifizierenden Abend einfach couchlings geschehen lassen möchte – kreuzpositiv wohlgemerkt!
