Es gibt in der Stadt, in der ich wohne, sehr wenige Möglichkeiten, den Abend zu verbringen, ohne wirkliche Beeinträchtigungen an Leib und Seele zu erfahren. Hier geht es nicht um drohende physische Gewalt, sondern um das Drumherum, das sich sehr negativ auf die Psyche und den Körper (Spango ist psychosomatisch hypersensibilisiert) auswirken kann, setzt man sich ihm zu lange aus. So erscheint es fast unmöglich, einen Abend in einer Lokalität zu verbringen, um etwa ein klärendes, verklärendes oder gar verstörendes Gespräch zu führen, das über Stunden anhält. Zu sehr wird man von schlechter Musik, türkisfarbenen Wänden und den lauten Menschen abgelenkt.
Ich mit meiner Konzentrationsstörung. Da hüpft mein Hirn von Bartók zu Ilic, wenn gewisse kombinierte Sinneseindrücke auf mich einprasseln. Etwa eine Moonwashed-Jeans, die bis unter die Schultern gezogen ist und ein Lied von Andrea Berg. Unwichtig was mein Gegenüber gerade dramaturgisch ausbreitet. Da kann ich nicht mehr folgen. Da verliert das Ableben der Omma haushoch gegen Schlager und Schneejeans (gesprochen: Dtschnäh-Dtiehnz). Und ich bin doch gar nicht oberflächlich, ich denke nur weiter. Warum diese Beinrobe? In diesem Jahrzehnt? An dieser Körperregion? Und weiter: Warum dieser Akkord? Mit dieser Stimme? Und warum nicht direkt Kirmes? Und wenn nicht, warum dann hier? Um schließlich zu enden mit: Warum bin ich gerade dabei? Halte mich hier auf? Wo Lebenszeit skrupellos entwertet wird?
Es geht auch anders. Zunächst schlimmer. Von schlimmer zu Schlummer. Es gab früher eine Lokalität, die charmant war. In einem uralten Gewölbekeller konnte man wirklich gute Weine genießen. Umgeben von kargen Wänden, die nur spartanisch mit antiken Fundstücken beschmuckt waren. Dem Laden ging der Garaus, als die Herrschaften Betreiber beim Eurowechsel die Preise buchstäblich eins-zu-eins anpassten. Schnell waren die Gäste nicht mehr bereit, 6 euro für das billigste Glas Wein hinzublättern.
Letzten Samstag war ich mit Frau A. verzweifelt auf der Suche nach einer Bleibe, um mal ein paar Monate zu rekapitulieren. Das ist viel verlangt. Für Spango, erst recht für Frau A., die die eine oder andere Beschwerde loswerden wollte. Obwohl ich immer versuche, mich zu mäßigen, gelingt mir das nur sehr bescheiden. Und bescheiden wollte ich noch nie sein. Wir passierte die Lokalität, die vor einiger Zeit bereits verlassen wurde. Und sie war wieder offen. Da kann man kaum etwas falsch machen, dachten wir kollektiv und gleichzeitig, und es kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass dieser zeitgleiche Konsens einzigartig ist. Zwischen Frau A. und mir. Toll. Wie sehr man sich zusammen irren kann. Auch wenn man es für einen ansprechenden Start in den Abend halten musste. Hier traf wieder das Phlegma der Ahnungslosigkeit auf den naiven Glauben an eine höhere Macht. Da ist Enttäuschung vorprogrammiert.
Oder auch nicht. Irgendwann werden Grenzen gesprengt und die gefestigte Beurteilungsmatrix zerfließt. Denn dort wo früher die kargen Wände altertümliches Flair verströmten, hängen unmotiviert echte und falsche Tierfelle. Ach so, denken wir, das schauen wir uns mal näher an. Und die Tische sind ganz gut besetzt. Nur sieht es nach einem Gruppentreffen aus. Auf Rückfrage beim Mann hinter dem Tresen wird bestätigt, dass es sich nicht um eine geschlossene Gesellschaft handelt, sondern um einen Tag, der dem Gesamtpöbel Einlass gewährt.
Die Karte gab über Getränke und Essen Auskunft. So gehört sich das. Nur waren neben den hochdeutschen Bezeichnungen auch lustige Entsprechungen abgedruckt, wie sie sich nur Menschen ausdenken können, die davon ausgehen, dass sie in einer Ritterrüstung eine gute Figur abgegeben hätten. Altbier heißt dann Dunkler Schoppen usw.. Der Kellner war ein lustiges Kerlchen. Sehr dünn und optisch eine Mischung aus pubertierendem Catweazle und passionierten Realversion-Rollenspieler. Also von der Art, die im Wald Elfe gegen Gnomkönig spielen. Auf meine Frage, was man denn unter der auf der Karte erwähnten Tagessuppe verstehen darf, schaute er fünf Sekunden etwas leer in meine Richtung. Dann verriet er mir, dass es heute nur Linsensuppe aus der Dose gebe, falls ich diese wollte, bittesehr. No Soup For Me! Nimmermehr.
Fürwahr fanden sich interessante Recken und Burgfräuleins in der Kellerstube. Deren größte Gruppe wie folgt zu beschreiben ist: lange Haare bei den Recken, optische komplettiert mit allerlei Lederarmbandverschwirbelungen, Piratenhemden und Motto-T-Shirts. Wobei sich die jungen Recken eben in zwei Gruppen einteilen ließe: zum einen die äußerst gefährlichen Piratenritter, die lautstark ihre Schoppen vertilgten und zum anderen den intellektuellen Hofstaat, der zur Ermunterung und zum geistigen Aufbegehren beherbergt wurde. Unter den Fräuleins durchaus auch jene von edlerem Stand, ersichtlich durch ein schulterfreies Hochzeitskleid, das äußerst zweckmäßig für eine zünftige Burggrabenkopulation durch einen Windhauch rücklings über die Fontanelle geworfen werden kann. So tranken denn die wilden Piraten weiter, während der Hofstaat fortfuhr, Karten zu kloppen und sich an Würfelspielen zu laben. Die Fräuleins waren zu immer mehr Gelächter bereit, angesichts der Zurschaustellung von soviel Männlichkeit. Die eine und andere Dosenlinsensuppe wurde geleert und verirrte Passanten, die von dieser Stadt dunkle kleine Kneipen mit Herrengedeck-Angeboten gewöhnt sind, saßen inzwischen vereinzelt an den Tischen. Ungläubig staunend, wo denn der kleine Klare steht, auf der mit Paketschnur verzierten Karte, die immerhin vier verschiedenen Honigweine- und Schnäpse wohlfeil anbot.
Obwohl später auf der Toilette ganz offensichtlich einer der ritterlichen Piraten Schwierigkeiten mit der angemessenen Verdauung des Met hatte und auch, ganz standesgemäß, den Gebrauch von heißem Wasser aus dem Teufelwerk moderner Armaturen scheute, stehe ich weiterhin dazu, dass die schlecht überparfümierten Vollidioten mit gesalbter Bubbi-Fresse eine sehr viel größere Bedrohung darstellen.
Nachdem Frau A. und Spango nebenher übereingekommen waren, dass Spango erstens schwieriger ist, als man es sich in den kühnsten Träumen vorzustellen bereit ist und dass Spango durchaus das Recht hat, diese vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten als unmittelbare Konsequenz von Spango im Allgemeinen anzumahnen, verständigte man sich außerdem darauf, dass die junge Schar Vergnügungswilliger sehr viel angenehmer ist, als die üblichen Handymusikhörenden, stets paarungswillig, dabei kaum zu Satz- geschweige denn Nestbau in der Lage.
