Gestern hätte ich gerne Karate gesehen.
Zu vorgerückter Stunde dämmerte ich vor mich hin und wartete wieder einmal auf ein Fortkommen am kölner HBF.
In dieser Stadt findet die Anuga statt. Eine Messe mit den neuesten Trends der Nahrungsmittelindustrie. Und da gibt es zwei erwähnenswerte Entwicklungen:
Erstens die Weiterentwicklung des Trash-Foods. Vorgestampfte, in Form gepresste Fertigblöcke, die täuschend echt richtiges Essen imitieren. Man öffnet die Plastikschale, stellt sie in die Mikrowelle öffnet sie und selbst das Häufchen Senf, neben der Wurst aus Schabfleisch ist bereits authentisch platziert. Hingerotzt neben den Muß aus Schweineaugen und Rinderknorpel. So, als hätte Papi die Tube zwischen gehabt und ein deutliches Statement gesetzt. Spontane Entleerung würziger Pasten, begleitend zum Allerweltsfraß.
Zweitens ist Öko richtig angesagt. Schon seit Jahren. Die Neuerung: billiger und frischgeklont soll es sein. Hängt wohl damit zusammen, dass die Erscheinung immer mehr in den Vordergrund rückt, wenn jedermann allerorts auf Gemüse trifft, das eine glückliche Kindheit hinter sich haben soll. So draußen. So mit Erde und Wasser, das wo vom Himmel fällt. Sicher, eigentlich bedeutet Glück auch Abnutzung durch Gebrauch und Erfahrung. Sie wissen ja, was aus Individuen wird, die unter Ausschluss gezüchtet werden. Stichwort: Elitekiller und Finanzbeamter. Dennoch lautet das neue Ziel: glänzend, frisch und unberührt muss es aussehen, das Gemüse, trotz der Erwartung, das es sich den Weg ins Regal erkämpft hat. Die Erwartungen gegenüber Gemüse nähern sich also den gegenüber Menschen an.
Jetzt zum Kampfsport. Messegäste warten mit mir. Eine Gruppe Japaner. Hundemüde lehnen sie kerzengrade gähnend an der Wand und lächeln sich an. Dann nähert sich ein junger Mann. Lustiger Schmerbauch vornean. Grüßend mit einem Dosenbier und fettiger blonder Haartolle. Anfang Zwanzig und sein Leben schon hinter sich. Pöbelt laut lachend die Gruppe an. Typische Beschimpfungen wie zu fleißig, zu gut angezogen, typischer Neid auf Disziplin und Ordnung, der wahrscheinlich zu Unrecht besteht. Hinweise auf gebrauchte Slips in Automaten. Zehn Meter entfernt. Laut auflachend die weibliche Begleitung. In einer großen Tasche kramend und sich mehrfach nach alle Seiten umschauend, um Unterstützung für ihr Gelächter zu finden. Dabei sichtlich peinlich berührt, nicht nur gegenüber dem Pöbler, sondern auch wegen ihrer eigenen Person. Schließlich findet sie Unterstützung. Es verharrte noch eine Büchse Dosenbier in ihrer Tasche, die ihr hilft und auf ihre Zerstörung wartet.
Während einer der Japaner lacht, werden die anderen Gesichter zu Masken. Einer zeigt dem Pöbler unmissverständlich an, ein wenig Distanz zu halten. Er torkelt lachend zurück und schließt sich wieder seiner Dame an, die mit ihm anstößt und weiter ihre Pein über lautstarkes Gelächter rauspresst. Dann erhebt er sich und geht nochmals auf die Japaner zu. Er verhakt sich an einer der Schultern und drei der Messegäste gehen auf ihn zu, als er beginnt, laut zu brüllen, etwas von Völkerverständigung, Weltmeisterschaft, japanischen Autos, Weltkrieg und dergleichen. Leider fährt dann die Bahn der Japaner ein. Kein Karate für Spango.
Inwiefern nun das Schabfleisch Grund für das unangemessene Verhalten des jungen Pärchens war, lässt sich nur erahnen. Es gibt so viele Gründe, die da zusammenspielen. Falsches Sushi? Fertigcurrywurst? Manchmal braucht es keine Gründe.

(editiert: 19.10.07 - 09:36)