Freitag, 05.10.2007
11:06 » komm zu spangos leerem kopp
Kurz vor seinem Tod, schreibt Wolfgang Koeppen an seinen Verleger und Freund, Siegfried Unseld, dass er ihn besuchen solle. Koeppen war schon verwirrt und hatte mehrfach seinen langjährigen Freund bei Besuchen nicht mehr erkannt. Seit 1962 war Unseld Koeppens neuer Verleger, dem er für den Herbst des folgenden Jahres einen neuen Roman versprach. Das nächste Buch kam 1976 auf den Markt und sollte bis zu Koeppens Tod seine letzte große Veröffentlichung bleiben. In all dieser Zeit wurden beide enge Freunde. Und der hinterlassene Briefwechsel zeigt, wie nah sich beide kamen. Gerade durch Enttäuschungen und Krisen. Unseld glaubte fast bis zuletzt an den neuen großen Roman von Koeppen. Koeppen versprach bis zum Ende ein Manuskript. 88jährig schreibt er Unseld und fordert ihn auf, zum ihm zu kommen, an seinen „leeren Schreibtisch voll von seinen Träumen“. Mir persönlich reicht schon dies hinterlassene Satzfragment, um voll und ganz die „Finanzierung“ von Wolfgang Koeppen durch den Surhkamp Verlag gerechtfertigt zu sehen. Schließlich verdienen sich Uta Danella und Frank Schätzing mit ihrem Schwachsinn einen Lebenswandel, dem man einem Menschen wie Wolfgang Koeppen wenigstens zu 10 Prozent gegönnt hätte. sowieso: dieser versuch gehälter rechtfertigen zu wollen. da wollen wir gar nicht anfangen.

Interessant an dem Briefwechsel zwischen Unseld und Koeppen ist, neben der wunderschönen Sprache und dem komplexen Gedankenaustausch, die Entwicklung einer Beziehung zwischen zwei sehr unterschiedlichen Menschen, die sich durch die fortwährende Krise immer weiterentwickelt und enger wird. Auf der einen Seite Unseld, der Macher, der im Handstreich den deutschen Literaturmarkt umkrempelte, auf der anderen Wolfgang Koeppen, fast zwei Jahrzehnte älter, stets zweifelnd, zaudernd, von Ängsten erschüttert. Dabei ist Koeppen auch der Geschicktere, der fast universell rethorisch Geschulte, der Unseld sanft einseift und jahrelang hinhält; Unseld ist zunächst noch der dosierend Fordernde, der glaubt, die Zügel im Griff zu haben, wobei er von Beginn an voller Verständnis ist, doch bald nimmt er den Platz der letzten Stütze ein.

Er wird zu demjenigen, der Koeppen aufrechterhält, finanziell wie menschlich.

Der Jüngere wird zum Ansprechpartner, der versucht, zu motivieren und auch eingreift, wenn die Krise überhand gewinnt. Im letzten Jahrzehnt hat die Beziehung einen fast zärtlichen Ton. Die Briefe schmeicheln sich an den Angeschriebenen an. Haben immer Substanz und nehmen Stellung. Sehr lesenswert.

Freundschaft und Beziehungen in der Krise. Wenn man sich, an schlechten Tagen, als einzige Krise wahrnimmt. Eine, die seit nunmehr viereinhalb Jahren anhält, kommt man ins Grübeln. Es ist natürlich nicht so, dass man vom Umfeld erwartet, dass es der Krise Herr wird. Erst recht nicht, dass man sich selber als Krise akzeptiert und Unterstützung annimmt oder einfordert. Spango als Krise wirkt während der apokalyptischen Phasen abwechselnd hellwach, munter, laut bzw. ruhig, dämmrig und angespannt. Wobei hier das Phlegma Ausdruck der schlimmsten Phase ist. Die Unfähigkeit auf Dinge einzugehen, sich mit ihnen zu befassen. Die fehlende Kraft die Erwartungen, die er selbst jahrelang herangezüchtet hat, zu erfüllen. Vielleicht ist es das Fehlen des offensichtlichen Schwenks im Verhalten, das zu Bröckelerscheinungen führt, die man zwar aufhalten will, aber nicht kann. Bei aller Mitschuld muss man hier auch ein wenig das taubstumm-gelähmte Gegenüber miteinbeziehen. Interaktions-Chimären, die, bei aller Liebe, niemals eine lange Lebenserwartung haben konnten. Wird man sich seiner eigenen Lebenserwartung bewusst, ändern sich die Befindlichkeiten. Ohne die Qualität der Mitglieder der Chimären menschlich auf nur im Ansatz anzuzweifeln. Häufigkeit hat nichts mit Qualität zu tun. Die Dauer schon. Erwartungen muss man prüfen. Sonst stürzt man ab.

Lesen Sie mal lieber den Briefwechsel zwischen Herrn Koeppen und Herrn Dr. Unseld. Der ist spannender. Vor allem in den Krisen.

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