Sonntagnachmittag. Eigentlich sollte ich mich dringend mit dem Satz „Die Schuld ist immer zweifellos“ aus Kafkas Strafkolonie beschäftigen, bin auch willens, dies zu tun, als ein Zug entgleist und vor meinem Fenster zu liegen kommt.
Das hatte ich bisher auch noch nicht. Vorsichtig nähere ich mich dem havarierten Objekt und stelle fest, daß es sich dabei zweifellos um einen TGV handelt. Bleibt die Frage nach der Schuld.
Diese Franzosen also wieder. Kaum vermeint man, ihnen getrost etwas zutrauen zu dürfen, weil sie entgegen aller Erfahrung und abseits von Frösche essen und Kriege verlieren doch mal etwas zu vermögen scheinen, schnelle Schienenfahrzeuge bauen nämlich, hat man so’n Ding auch schon eine halbe Armlänge vor‘m Fenster liegen. Wenigstens sind keine Deutschen unter den Opfern. Frösche auch nicht. Deutsche Frösche erst recht nicht.
Aber jetzt mal im Vertrauen: Dieser TGV ist maßlos überbewertet: 1.) viel kleiner, als man glauben mag (Länge des Triebwagens: ca. 12 cm), 2.) batteriebetrieben (sehr niedriger Voltbereich).
Nicht ärgern, nur wundern.
Ob es eine Kausalverknüpfung zu dem Kinderlärm vom Balkon über der Unglücksstelle gibt, werde ich nicht zweifellos klären können, solange nicht Wittgensteins Satz 5.1361 aus dem Tractatus widerlegt ist: „Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube.“
Weniger aufgrund unausgesprochener Verdachtsmomente, als vielmehr zum Zwecke, ein würdiges Mahnmal für meine gallischen Freunde zu errichten, beschließe ich, das Wrack im Treppenhaus mit einem würdigen Plätzchen auf den Briefkästen zu bedenken.
Auf dem Weg, den die anschließenden Besorgnisse erfordern, – Musikkapelle buchen, Kränze ordern, Steinmetze beauftragen - befällt mich schlagartig eine Heißhungerattacke, was nach meinem grenzgängerischen Einsatz bei den Bergungsarbeiten nicht weiter verwundern darf.
Auf dem allerletzten Teilstück des Heimwegs indes stürmt zweierlei Zweifelhaftes auf mich ein: 1.) Ich war nur in der Pommesbude und habe den Rest schlichtweg vergessen. 2.) Der TGV steht nicht nur nicht mehr auf den Briefkästen, nein, er ist vollends verschwunden.
Eindrücke ohne Ausdrucksmöglichkeit wirken auf mich. Der Tag entläßt mich in ein Trauma.
Selbst schuld! Wer wird dies noch bezweifeln?

jede heimsuchung eines gleises hat was von kondolenzbesuch, finde ich. und der eindruck ist trotzdem eher verschwindend schwirrend, obwohl die begegnung immer seltsam existentiell ist. überall strandende züge. erratische bahnen halt...