Donnerstag, 20.09.2007
13:52 » taube flieger - das leben der anderen
Wer mag schon Tauben? Also eher wenige. Wobei die hohe Anzahl der Tauben ja nicht unmittelbar die Schuld der Tiere ist.
Frau A. hat Nachbarn. Ein Künstlerpärchen. Der Mann steht oft vor der Haustüre und schaut in die Bäume. Lange hat Frau A. sich nichts dabei gedacht. Gute Erziehung, die unbegründete Höflichkeit generiert. Katholischer Glauben im Background, der einem vieles glauben machen will. Und österreichische Gene mütterlicherseits, was eh für Ausblenden steht.
Frau A. macht diese Eigenheiten oftmals wett. Auch in diesem Fall, denn ihr Gesicht, das auch bei totalem Unverständnis (gegenüber Bekannten und Fremden, eher nicht bei Freunden) Freundlichkeit verrät, lädt das Umfeld oft dazu ein, ein wenig zu erzählen. Sicher, das kann schmerzhaft langweilig und höchst aufdringlich sein. Aber dieses Mal hat es sich gelohnt.
Der Mann mit dem Rauschebart taxiert die Bäume, um versehrte, benachteiligte, sprich behinderte Tauben zu suchen und einzusammeln. Mit denen macht er dann in seinem Badezimmer Physiotherapie. Und das wohl mit Erfolg.
Eine der Tauben, wohl von Geburt an flugunfähig wurde so von ihm mit Hetje zusammengebracht, einem Täuberich, der selbst für Taubenverhältnisse etwas sehr beschränkt ist. Zum Zweck der Fortpflanzung, weil die Taube keine Gefährten, Freunde hatte. Denn die haben als Mindestziel das Tollen in der Luft für die Gruppe ausgegurrt. Wer, wenn nicht die eigenen Nachkommen, haben Verständnis für das Anderssein. So kam auch bald der Nachwuchs. Die Taube wurde samt Küken in einem etwa vierhundert Meter entfernten Atelier untergebracht. Bei Tauben herrscht Emanzipation. Auch der Papa hütet und wärmt die Nachkommen. Nur ist Hetje, wie gesagt, etwa eingeschränkt in seiner Wahrnehmung. Er war zwar bereit, seinen Teil der Pflege zu besorgen, fand sich bloß geographisch nicht zurecht. So musste er immer zu seiner kleinen Familie gebracht werden. Die Mutter sonnte sich ein paar Stunden, saß herum und vertrat sich die Füße. An einen Rundflug war ja nicht zu denken. Hetje blieb bei Benjamin. Machte seine Sache gut. Dann flog er wieder aus dem Atelier. Und fand nicht mehr dorthin zurück. Er klopfte an die Balkontüre des Künstlers, wurde von ihm eingesammelt und ins Atelier transportiert. So funktionierte es. Allerdings war abzusehen, dass diese Familie, bei aller Sympathie für alternative Beziehungsformen, schwerlich eine glückliche Zukunft beschert sein würde. Zu sehr trennte die Eltern ihre Verschiedenheit der Fortbewegung.
Eine Alternative musste her. Die Taube ging in ihrer Mutterrolle auf, während Hetje ein wenig überfordert schien.
Die war schnell gefunden: eine Wohngemeinschaft für behinderte Tiere wurde aufgetan, in der das Mutter-Kind-Gespann Unterschlupf finden sollten.
Eine Dame hatte irgendwann begonnen, Tieren, die aus dem Raster fallen, ein Obdach zu bieten. Eines der ersten Tiere war der blinde Johann. Natürlich auch ein Täuberich. Aus ganz anderen Gründen eher nicht fürs Fliegen geeignet. Der blinde Johann „leitet“ die Voliere mit den anderen vergessenen Vögeln, indem er bei jeder Aufnahme beruhigend auf die Neuankömmlinge einzwitschert. Er hat auch eine Freundin, die ihn täglich mehrmals besucht und immer wieder abfliegt, was wohl jedes Mal zu einer gewissen Unzufriedenheit bei dem blinden Johann führt. Sollte da das Vertrauen fehlen? Zumindest sind jetzt die flugunfähige Taubenmutter und ihr fast flügges Küken endlich angekommen. In einer Kommune aus verstoßenen, weil andersartigen Tieren, die einander akzeptieren. Angeblich über Arten- und Größengrenzen hinausgehend. Tiere lernen mitunter aus Erfahrungen, Menschen halt nicht. Obwohl: ich bin mir nicht sicher, ob Hetje nicht immer noch jeden Abend anklopft – auf der Suche nach seiner Familie. Andererseits: er vergisst es ja auch immer wieder nach kurzer Zeit. Und fliegt herum. Vermeintlich beschränkt, aber frei.
Ich hoffe, Sie sehen Tauben jetzt mit anderen Augen. Wenigstens die Anderen....

2 Kommentare

  1. glamourdick am 24.09.07 - 08:49

    ein stoff für bergmann. polanski. mike nichols. tim burton würde natürlich johnny depp für den hetje kriegen.

  2. Tod Spango am 26.09.07 - 12:54

    aber bitte als 3d-scherenschnitt-cgi-inferno.
    "reifegeprüfte szene einer mieter-ehe"


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