Mittwoch, 19.09.2007
23:48 » Ein Herz für alte Kaffeebohnen

Wenn nichts mehr geht, wird geschrieben.

Nun also doch. Da stehe ich am Flughafen, warte auf Freunde, die aus Kos zurück in usselige Gefilde jetten, und dann hat der Flieger Verspätung. Zwei Stunden. Mit einer weiteren am Gepäckband macht das 180 Minuten Sozialstudie, unfreiwillig, deswegen aber nicht minder intensiver. Bevor ich Gefahr laufe, mit offenem Maul die Pauschal-Touri-Armadas zu beglotzen, die kollektiv weiße Trainingshosen mit offenem Reißverschlussschlitz an den Beinen zum Trend erhoben zu haben scheinen, suche ich in einem der sieben Relay-Kioske Zuflucht, in der irrigen Annahme, ich könnte dort Zeitüberbrückungsliteratur fernab von Susanne Fröhlich und Tommy Jaud ergattern.

Während ich dem verzweifelten Drang widerstehe, einen Roman über einen 29-jährigen Früh-Witwer zu erstehen, nur, um durch den bloßen Kauf Glückshormone freizusetzen, fällt mein neonlichtgetrübter Blick auf einen der rechtwinklig zueinander angeordneten Buchstapel. Kurz fahre ich erschrocken zurück, denke, mann, den Blick kennst Du doch, lauert die alte Arabella jetzt schon hinter Grabbeltischen ihren potenziellen Gästen auf. Bis mir der erlösende Gedanke einfährt, dass ihrem Talk-Terror vor geraumer Zeit bereits ein Ende bereitet wurde. Umso betroffener macht mich die Erkenntnis, dass das ölige Ösi-Ödem trotzdem weiter ... naja ... kreativ bleibt. Ein Buch hat sie jetzt geschrieben, sich ihrer "halben Herkunft" gestellt, dem Fanti-Stamm in Ghana, den ihr Vater einst verlassen haben muss, um in Österreich den Samenspender zu spielen. Vielleicht war ihre Mutter aber auch einfach nur eine dieser vielen frustrierten Mittdreißigerinnen, die sich, Nina Hoss lässt grüßen, in der Steppe mal wieder ordentlich zurück ins Leben stoßen lassen. Egal, wie man's dreht, das Resultat, da besteht gesellschaftlicher Konsens, hätte nicht sein müssen. Aber wer weiß das schon, wenn er sich in einer ersten Midlife-Crisis unbedarft denkt, die ewigen Stammesrituale, die gehen mir verdammt noch mal auf den Sack. Immerhin, so lässt sich ihre Penetranz erklären. Es sind eben doch die Gene.

Jetzt will sie uns also über ihren ethnischen Background aufklären, die plärrige Parasiten-Plage. Haben andere ja auch schon gemacht. Immer, wenn's mit dem Moderieren, Amüsieren, Recherchieren, Chargieren oder Impertinieren nicht mehr so klappt wie bisher und das Penthouse droht, der Zwangsversteigerung anheim zu fallen, dann schreiben sie alle über ihre Vergangenheit, ihre Wurzeln, wie das dann so schön bodenständig heißt. Minh-Khai Phan-Ta-Sie, Wibke Bruns, Dieter Hildebrandt, Cherno Jobatey, plötzlich schreiben sie alle was über Vietnam, Wismar, Schlesien oder, okay, Turnschuhe, aber woher sonst, außer aus Adidas, soll der Cherno schon kommen?

Jetzt also auch die Arrrrabellllla, das alte Trendbaromter für die Zuschauerschicht zwischen 14 und 15 Uhr. Auf dem Cover von "Mein afrikanisches Herz" schaut sie betroffen, die 40 Plus wurde wegretouchiert, nur für den Fall, dass das Buch einem Playboy-Redakteur in die Hände fallen könnte. Neben ihrem Gesicht prangt scheinbar, wie sollte man Ghana auch treffender symbolisieren, eine Kaffeebohne. Was soll uns das sagen? Der Kaffee war schuld an mir? Mein Herz ist eine Kaffeebohne? Oder: Ich bin dumm wie Bohnenstroh? Wahrscheinlicher allerdings ist die Versinnbildlichung des Vorwurfs, dass wir alle durch unseren eifrigen Kaffekonsum ihre Vorfahren kräftig ausgebeutet haben, sie deswegen unseren Respekt verdient, und spätestens gestern wieder bei Pro Sieben auf Sendung gehen muss, quasi als mittelbare Reparation, weil ansonsten der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte anklopft. Wie - hat die doch gar nicht nötig. Die hat tatsächlich noch 'ne Sendung? Auf N 24? Wer schaut das denn? Die Fanti in Ghana?

Der einzige Weg, dieses Grauen zumindest für ein paar Minuten zu verdrängen, ist, den Stapel mit einem anderen Burner zuzudecken. Greifbar sind die "Nieten in Nadelstreifen" von Günter Ogger. Den Zuschlag erhält dann aber doch "Runzel-Ich". Da tut man wenigstens dem armen Gert Scobel was Gutes. Der ist schon genug geplagt!


1 Kommentar

  1. Tod Spango am 20.09.07 - 10:33

    aber ist es nicht sehr lobenswert, dass sie - trotz ihres herzens - so mit der deutschen sprache jonglieren kann? wahnsinn! ich würde gerne ihre geschichte als epischen fernsehsechsteiler verfilmt sehen....


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