Dienstag, 30.01.2007
11:02 » Schön untermalte Hölle

Wenn sich allmorgendlich das Grau durch alle Ritzen des Bahnhofs und die Gesichter der Mitpassagiere drängelt, möchte man im Grunde wieder zurück ins Plümmo, das völlig uneigennützig Wärme spendet und federnd beruhigt.

Schließlich ist man nicht aufgestanden, um sich die kaum vorhandene Lebensenergie durch herumschwirrende Mieselaune-Partikel entziehen zu lassen. Gegenüber der junge Mann wirft seinen Scheitel immer nach hinten, im vollen Bewusstsein, dass er aufgrund der Zurechtföhnung im gleichen Moment wieder ins Gesicht zurückschnellt. Wenigstens, denke ich, wenigstens der lässt sein Grau hinter Haaren verschwinden. Die kleinen Sichtfenster in die Depressionen kriege ich nicht mit. Ein Tick mit Mehrwert. Mir reicht es allerdings schon, das nervöse Kopfzucken schemenhaft aus dem Augenwinkel mit ansehen zu müssen.

Habe ich erwähnt, dass The Fountain von der besten Filmmusik des bisherigen Jahres begleitet wird? Ja, das habe ich. Die höre ich während ich nutzlos herumfahre. Dadurch erscheint mir alles so versöhnlich. Denn Death ist the Road to Awe.

Da kann es mich auch wenig jucken, dass vier Reihen weiter diese kleine laute Frau unaufhörlich redet. Die hört man trotz Kopfhörer. Und sitzt fast immer mit im Zug. Und sie hat ein paar Lieblingswörter. Eines ist „diesbezüglich“. Diesbezüglich baut sie in fast jeden Satz ein. Und fast nie an der richtigen Stelle. Diesbezüglich ist das schon ziemlich anstrengend. Da mache mal schnell die Musik lauter. Um diesbezüglich nicht mehr mit diesbezüglich diesbezüglich ständig zugesemmelt zu werden.

So versinke ich angenehm in den von Clint Mansell erdachten Klangwelten. Nichts kann mich anpöbeln. Denn ich ordne nun dem Sichtbaren meine Lieblingsentsprechungen zu. So wird aus dem übellaunigen alten Mann ein liebenswerter Mensch, der für seine Enkelin lustige Grimassen probt. Dann ist er eben nicht mehr übellaunig, sondern schlägt der Welt ein Schnippchen. Die kaugummikauende Asitussi, deren Arschgeweihansatz ihre penetrante Entsprechung auf den Hintertaschen der Jeans findet, schaut nur so fassungslos dämlich, weil soeben ihr Handyvertrag gekündigt würde. Und ja, ich schätze, sie denkt an Selbstmord. Sonst wäre es auch wirklich unverständlich, wieso sie es ihrem prallen Hinterteil zumutet, hälftig im Freien herumzuwabern und hälftig jeden Zustrom von Leben abgeschnürt zu bekommen. Das ist ein Abschied auf Raten, den ich gutheißen kann. Sicherlich ästhetisch fragwürdig, dem Ganzen liegt aber ein Ende inne, das – ja – man muss es nochmals so ausdrücken – versöhnlich stimmt.

Jäh erwache ich aus dem Traum, der den Morgen erhellend trübt, als es das Grau unverhofft schafft, sich ein Schneise in mein zugesupptes Bewusstein zu schlagen. Ein Mann mit einer Ziaharmonika spielt die größten Fetenhits aus der Pusta. In der Bahn. Straßenmusik!

Aus dem Nichts. So laut, dass ich Herrn Mansell nicht mehr hören kann. Alles bricht zusammen: Übellaunige alte Menschen sind wieder übellaunige Menschen und die Asitussi ist wieder ohne gescheites Ziel. Ich bin allem ausgeliefert. Geht schon…

Und als Erinnerung, vor allem für Herrn Holg, der genau weiß, wie wichtig eine pädagogische Grundhaltung ist (oder bald sein wird)...

2 Kommentare

  1. Holg am 31.01.07 - 00:11

    Und ins Klassenbuch schreibt Studienrat Spango dann stets "Wiederholung".

  2. Tod Spango am 01.02.07 - 13:18

    ja, wiederholung des gesamten unterrichtsstoffes, weil die klasse wieder einmal unaufmerksam war. und immer ein fleißpünktchen für holg.


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