Dienstag, 28.11.2006
15:53 » Pferde künftig an die Leine!
Krebs, Aids, Klimawandel, Pillenknick - ohne die Wissenschaft wären diese Begriffe bloße Schreckgespenster, Mentalterror im Dienste des Vatikans. Dank findiger Vieraugen mit Doktortitel und angeborenem Sozialautismus kann das Grauen wenigstens erklärt werden. Leider geht das ganz schön ins Geld! Aber was bedeutet schon der schnöde Mammon, wenn man jetzt endlich weiß, wie Tutanchamun ums Leben kam. Das lässt man sich gern ein paar Millönchen kosten...

Nein, es war nicht der Gärtner. Obwohl man es hätte verstehen können. Lauter Ödland rund um die Pharaopaläste, da ist nicht viel mit Staudensellerie und Ziergeranien. Da bringt man schnell mal den Herrn und Gebieter um die Ecke, vielleicht fließt dann ja auch Milch und Honig und macht den Boden fruchtbar. Die üblichen Gedanken eines gelangweilten Floristen eben.

Aber jetzt: Erstaunen allenthalben. Ein Pferd hat das prachtvolle Pharaonenleben ausgelöscht, sagt zumindest der ägyptische Radiologe Ashraf Selim. (Nicht zu vewechseln mit Selim Ashraf, dem berühmten TV-Jingle-Komponisten.) Ashraf hat also den Leichnam unter der Goldbüste einer Computertomografie unterzogen. Dabei kam heraus, dass der Knochenbau des Monarchen äußerst porös gewesen sein muss, denn der Abwurf vom Zossen zog einen Oberschenkelbruch nach sich, der wiederum als offene Fraktur eine Wunde hervorrief, die sich in unhygienischen Zeiten, wie sie in Ägypten nun mal herrschten, rasch entzündete und eine Blutvergiftung auslöste, die zum Zusammenbruch des Organsystems führte.

Okay, einem Gerichtsmediziner dürfte eine solche Kausalitätskette Schweißperlen freudiger Erregung auf die Stirn treiben. Wer bitte interessiert sich aber ansonsten dafür, wie der olle Sklavenhalter seinen letzten Atemzug tat? Muss sich die Wissenschaft nicht auch in den Dienst der Allgemeinheit stellen? Sonst könnte man doch auch im Kyffhäuser nach Bartspuren des Operetten-Rotschopfs Barbarossa suchen, sonst glauben wir womöglich weiterhin, dass er in einem Fluss in Anatolien zu Fischfutter wurde, nur weil er zu doof war, unter Wasser zu atmen.

Wo also liegt der Sinn? Posthume Diskreditierung vielleicht? Will man Tutanchamun nicht mehr den grausamen Meucheltod sterben lassen? Stattdessen soll nun "Ruhig Brauner" als Famous Last Words in die Geschichtsbücher eingehen? Und in den ägyptischen Nachbarländern raffen Krankheiten und Hunger die Neugeborenen dahin. Wenigstens hätten sie jetzt gewusst, wie jemand gestorben wäre, der sie nie interessieren wird - sofern sie denn gefragt hätten. Der Radiologe und damit studierte Mediziner Selim hätte die Antwort parat gehabt. Dank eines Nekrophilen mit millionenschweren Gönnern werden wir nicht dumm sterben. Eher dumm weiterleben! Aber auch das sind wir gewohnt.

8 Kommentare

  1. Tod Spango am 28.11.06 - 17:09

    wer is hier dumm? ich lese mit großem vergnügen alles, was mir über pyramiden und wanderdünen zwischen die finger gerät, das heißt noch lange nicht, dass ich weniger intellektuelllll bin als die anderen, wo überall rumsitzen....

  2. Holg am 28.11.06 - 22:42

    Als nächstes fordern Sie wohl noch Kunst, die praktisch verwertbar ist. Was ist denn so verwerflich an 'le savoir pour le savoir'? Auch wenn die "Vieraugen" nicht unbedingt im Prinz-Rupert-Kostüm forschen, dürfen sie doch auch mal ein wenig 'ästhetische Wissenschaft' betreiben.

  3. fab am 29.11.06 - 09:54

    Erscheint nicht die Parallele zu Nero Caudius Drusus frappant?
    Wäre es mithin nicht an der Zeit, zyklischen Geschichtsauffassungen à la "Der Untergang des Abendlandes" zu neuer Blüte zu verhelfen?
    Evtl. unter tatkräftiger Mithilfe findiger Vieraugen?
    Nur 'ne Idee...

  4. Holg am 29.11.06 - 12:01

    Hoppe, hoppe Weltgeist, wenn er fällt, dann weißt's. Fällt er in den Kreis, fressen ihn die Meis'. Fällt er denn ins Chaos, dann frisst ihn dort das Walross.

  5. fab am 29.11.06 - 13:19

    an Holg: GENAU SO!

  6. persona non grata am 29.11.06 - 15:14

    team fab

  7. nadelbaum am 01.12.06 - 20:47

    wer kann menschen in fortgeschrittenem alter erklären, zu welchem sinn und oder zweck es eine seite wie diese gibt? ratlos: erna und der baum, der nadelt

  8. Carlo Starkblom am 02.12.06 - 00:46
    (editiert: 02.12.06 - 00:49)

    Nun Erna, dies hier ist ein sogenannter Weblog (englisch, Wortkreuzung aus Web und Log, oft einfach nur Blog genannt). Im Idealfall betreiben Blogs Graswurzeljournalismus und tragen dazu bei, eine Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Medien herzustellen, welche ihre KonsumentInnen an der langen Leine einer selbstverschuldeten Unmündigkeit durch einen blutig-bunten Nachrichtensumpf führen. In der Realität schreiben BloggerInnen allerdings oftmals eher ein die eigene innere Wirrnis widerspiegelndes Internettagebuch, so dass der Bloglandschaft nichts Menschliches-Allzumenschliches fremd ist. Den meisten Mehrwert versprechen Blogs, die eine Mischung aus diesen beiden Formen darstellen. Übrigens Erna, gegen ungewolltes Baum-Nadeln empfiehlt sich der Erwerb einer nicht nadelnden Art, zu denen etwa die Edeltanne, Stechfichte, Blaufichte und Nordmannstanne zählen. Habe ich in einem anderen Weblog gelernt...


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