Beispielsweise weigerte ich mich standhaft, mir auch nur den Schimmer von Verständnis in den naturwissenschaftlichen Fächern anmerken zu lassen. Das führte natürlich zu Irritationen. Die jeweiligen Lehrkräfte fanden mich, freundlich gesagt, scheiße und nutzten alle ihnen zur Verfügung stehenden Sanktionen, um mich von meinem Verweigerungskurs abzubringen.
Vorbild
Gerade stehe ich auf dem Gleis und lausche den Durchsagen. Die gelangweilte Frauenstimme behauptet, die Abfahrt war vor fünfzehn Minuten und kündigt die Abfahrt desselben Zugs in fünf Minuten an. So etwas nennt man Zeitexperiment. Die Bahn ist immer auf den Gebieten überraschend progressiv, auf denen man keinen Raum für Servicegedanken hat.
Plötzlich, am anderen Ende der Warteplattform im Zeittunnel eine Zuckung. Ein scheues Aufflackern atavistischer Futterbeschaffung. Ein etwas krumm stehender Mann mit grauem Haar, lässt in einem nicht zu bestimmenden Turnus seine Zunge hervorschnellen. Wie ein 1,60 m großes Chamäleon versucht er, unsichtbare Beute zu schnappen. Neben ihm stehen zwei Frauen. Auch aschgraue Haare, Mundwinkel auf Kniehöhe, knöcherig dürr und mindestens einen Kopf größer als das schmächtige Männchen.
Kein Wunder, dass mir die Zungenschlag-Mimikry bekannt vorkommt: es handelt sich um Dr. B.. Er hatte die Chance, mich in Physik unterrichten zu dürfen.
Er zeichnete sich nicht nur durch die kleine motorische Störung aus, die bereits beschrieben wurde, sondern darüber hinaus durch zwei weitere Eigenarten. Zum einen hat nie ein Versuch funktioniert, zum anderen hatte er Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Ich weiß auch nicht, wie es dazu kam, aber beides bereitete mir sehr große Freude. Auch der leicht gebeugte Gang traf meinen Geschmack. Da ich in jungen Jahren vor Kreativität schier zu platzen drohte, musste ich meinem Drang immer Kleinbeigeben und meine, manchmal ins misanthrope abrutschende Ansichten entsprechend illustrieren. Eine sich unverkennbar an Herr Dr. B. orientierende Zeichnung schmückte das Klassenzimmer. Und die dargestellte Figur hatte sich die Pose des Spielbergschen Ekelaliens entliehen, das immer nur nach Hause wollte. Neben einem überlangen Finger zeigte bei der Figur aber auch die Zunge in Richtung der Heimatgalaxie. Kunst zeichnet sich dadurch aus, dass sie auch in der Wiederholung bzw. Adaption, dem Betrachter neue Erkenntnisse schenkt. In diesem Fall also den Zungenzeig nach Nirgendwo.
Herr Dr. B. mochte mich nicht. Ich war schrecklich untalentiert in Physik und schrecklich stolz darauf, die Einsicht gehabt zu haben, dass Physik mich grundsätzlich auf keiner Ebene weiterbringt. Dadurch war ich schrecklich ignorant in meinem Verhalten und malte im Unterricht, anstatt mich Formeln und Naturgesetzen zu beugen. Schrecklich penetrant wurde ich nur, bei für mich ansprechenden unterrichtsfremden Themen. Wenn Herr Dr. B. etwa an die Tafel schrieb „der Wellenlänge Lambda“ konnte ich nicht umhin, ihm den richtigen Artikel unaufgefordert zuzuschreien. Er ermahnte mich, ermahnte mich nochmals, ermahnte mich nochmals, ermahnte mich nochmals, bis er mich rausschmiss. Ich war dann sehr oft in den Physikstunden Pommes essen und dürfte nicht weiter der Lambda die Weiblichkeit schenken. Der Dr. B. hat mich eben erkannt und sehr miesepetrig geguckt. Er scheint unsere gemeinsame Zeit nicht so zu schätzen, wie ich. Ich bin halt ein Nostalgiker. In der Rückschau wirkt vieles so friedlich auf mich.
Herr Dr. B. hat sichtbar immer noch keine Freude am Dasein. Von den beiden Gottesanbeterinnen war eine seine Frau. Einen Kopf größer und ebenfalls Lehrerin. Ebenfalls an meiner Schule. Und wenn jemand so wirkt, als wäre er über seine Eheschließung im Fegefeuer angelangt, dann ist das mit Sicherheit Dr. B.. Bewacht und gegeißelt durch seine ihn überragende Nemesis, die mit ihren Zornfalten auf der Stirn bei ausreichendem Gegenwind viel mehr Insekten fangen kann, als Dr. B. mit seinen etwas unbeholfenen Zungenzuckungen. Weder das Fegefeuer noch die Hochzeit mit dem Belzebub sind aber ausreichende Entschuldigungen für die Schwäche in der deutschen Sprache. Und es freut mich, dass Dr. B. immer noch weiter zuschnappt. Wissend um seine Niederlage. Außerdem wird es auch bald schön kalt, da friert er mit seinem schnapporgan hoffentlich an einer Ampel fest und wird endlich nach Hause gebracht.

Vielen Dank Herr Spango!
Nicht ohne Wehmut sehe ich meine persönlichen Erinnerungen an o.g. Vorführpädagogen und Virtuosen der Schwerkraft an meinem geistigen Auge vorbeiziehen und zeige mich frappiert ob der Übereinstimmungsdichte unserer Beobachtungen. Erwähnenswert wäre allenfalls noch seine unerreichte Vorliebe für mausgraue Stoffhosen mit rasiermesserscharfer Bügelfalte und den Pulli, der an jener Stelle durchgewetzt war, wo er immerdar einen Hightech-Kunststoffstab durch Reibung statisch aufladen wollte - hat natürlich NIE geklappt...
(editiert: 20.11.06 - 11:42)
Auch ich hatte bis zur Oberstufe so meine Probleme mit Dr. B. Dann verwies er mich eines Morgens seines Unterrichts, weil ich in Shorts erschienen war, auf denen rosafarbene kopulierende Elefanten prangten. Bevor ich den Raum verließ, zitierte er mich noch zu einer Unterredung mit ihm um 12Uhr in den physikalischen Materialraum. High-Noon mit der Zunge des Verderbens, das hatte schon etwas. Zu meinem Erstaunen fand ich Dr. B. zum verabredeten Zeiptunkt jedoch nicht in angriffslustiger Grundhaltung vor. Nein, er wirkte vielmehr sehr bedröppelt, vermutlich hatte ihn kurz zuvor Frau B. wieder einmal kräftig zusammengeschissen. Kleinlaut fragte mich der Physikus, warum mir denn daran gelegen sei, ihn zu malträtieren. Auf meine treuherzig vorgebrachte Antwort, dass mir nichts ferner liege, entspannten sich augenblicklich seine Gesichtszüge und er gestand mir, mich ja eigentlich leiden zu können. Na ja, ihn mochte an der Schule niemand, schon gar nicht seine Frau, und mich irgendwie auch nicht, das schuf wahrscheinlich eine Art kranke Verbundenheit. Dann ermunterte er mich noch, Physik zukünftig als Wahlfach zu belegen, solche Leute wie mich (?) könne er brauchen. Ich sagte ihm zu, mir die Sache durch den Kopf gehen zu lassen - und kletterte in Physik auf dem nächsten Zeugnis ohne jegliche Unterrichtsaktivitäten meinerseits von einer 4 auf eine 2. Ob seine Zunge ins Rotieren kam, als ich Physik dennoch abwählte?
Beim lesen dieses Beitrages (und tränenlachen) musste ich grade an Frau R.P. denken die Sie werter Herr Spango 2 Jahre lang "iginorieeert" haben ... und an das Comic P-Alpha ... ach das waren noch Zeiten.