Montag, 13.11.2006
23:43 » Chromosomenverknappung
Du bist ja voll behindert!

So äußern sich stets jene Menschen, die man tatsächlich gerne selektiert sähe.

Interessant: über kurz oder lang wird man auf die Menschen, auf die sich diese dumpfe Verprollung bezieht, verzichten müssen. Zumindest, wenn es wie bisher weitergeht. Nicht das man sie heute oft sieht, bzw viele sie sehen wollen.

Deutschland hat seinerzeit den Paragraphen 218 reformiert. Und dabei ist allerhand in die Buxe gegangen.

Die sogenannte eugenische Indikation, die aufgrund einer diagnostizierten Behinderung griff und ihren Ursprung selbsterklärend in der Rassenhygieneideologie der Nazis hatte, wurde abgeschafft. Trotzdem werden seitdem zunehmend mehr Abtreibungen mit eben dieser Begründung durchgeführt. Die Medizin hat einfach die medizinische Inidkation erweitert, die Anwendung findet,“...um eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzuwenden...". Das ist schön schwammig und tritt mitunter schon in Kraft, wenn eine Hasenscharte oder eine fehlende Gliedmaße vorliegt.

Das heißt im Klartext: Es kommt vor, dass eine Frau im achten Schwangerschaftsmonat damit konfrontiert wird, das wahrscheinlich lebensfähig ist, und sich seit geraumer Zeit in ihrem Bauch bewegt, abtreiben zu lassen, weil es etwa an einer Trisomie 21 leidet.

Und dabei kommt es zu wahren Horrorszenarien: obwohl die Ärzte bemüht sind, dass Kind bereits im Mutterleib mit einer Kaliumspritze ins Herz zu töten, überleben viele der Kinder den Abgang. Nun wird es hakelig: der Arzt hat, im Falle einer Abtreibung, die Pflicht, diese erfolgreich durchzuführen. Ist das kleine Stück Mensch allerdings am Leben, wenn es sich außerhalb des Körpers der Mutter befindet, ist er wieder in der Pflicht dieses Leben zu erhalten. So werden dann auch viele dieser Kinder einfach liegen gelassen, hoffend, dass sich das Problem von selber löst. Also die kleinen Körper jämmerlich krepieren.

Mit ein wenig Mühe kann man zahlreiche schockierende Berichte im Internet lesen, von überfordertem Pflegepersonal und traumatisierten Müttern. Wurden Behinderte früher einfach weggeschlossen, so dürfen sie noch nicht mal lebend diese Welt betreten.

Dabei hat es sich in den letzten Jahren in den aufgeklärteren Gegenden des Erdballs durchgesetzt, dass Mütter und Väter von Totgeburten gebührend Abschied nehmen können, wenn sie wollen. Behinderte Kinder werden, im unangenehmen Fall des Überlebens schön weggesteckt, um ihre ungewollte Existenz still und leise auszuhauchen.

Nun will ich gar nicht überheblich erscheinen. Ein Leben mit einem behinderten Kind ist nicht zu unterschätzen. Eins mit einem Gesunden aber ebensowenig. Aber es ist falsch zu glauben, dass Behinderte nur vor sich hin vegetieren. Und dieses ewige Mitleid das Allerletzte. Die Art des Daseins, das sie haben, ist das einzige, das sie kennen. Warum sollten sie darunter leiden? Vorausgesetzt es ist nicht mit starken Schmerzen verbunden. Gerade bei Menschen mit Down Syndrom gibt es eine sehr große Spanne von Behinderungsgeraden. Welche Art von Behinderung darf von wem als lebensunwert bezeichnet werden? Wer entscheidet das? Und wer weiß, inwiefern eine faktische Bewegungsunfähigkeit gleichbedeutend mit der Abwesenheit von Gefühlen und Empfindungen ist? Und wer würde sein Kind, beispielsweise nach einem schweren Unfall töten, sollte es mental beeinträchtigt sein?

Zumeist ist es doch die Unkenntnis, die zu Angstattacken führt. Man sollte mal mit einer Gruppe Behinderter durch eine Innenstadt gehen. Reaktionen zwischen zwanghafter Ignoranz und und voyueristischem Ekel werden von vielen Umherstreunenden ausgesandt.

Dabei liegen die Vorteile einer Gesellschaft, die Behinderte teilnehmen lässt auf der Hand. Man lernt Werte zu schätzen, die abeits von oberflächlichen Statussymbolen und Streben nach vermeintlichem Erfolg sind; man darf eine andere Lebensgeschwindigkeit erfahren, die gar nicht einfach zu fassen ist. Und letztlich gewinnt man Verantwortung hinzu. Weil man natürlich nach erster Betrachtung der Fürsorgende ist, der aufpasst, dass alle heil über die Straße kommen. Bei eingehender Betrachtung ist man aber genauso derjenige, der Fürsorge erfährt. Der teilhaben darf an einer anderen Art der Kommunikation, der vieles aus einem anderen Blickwinkel sehen und erkennen darf, der schlicht als reicherer Mensch aus der Begegnung hervorgeht.

Und allein diese Erfahrung liefern doch nur in den seltensten Fällen die Normalos.

Wie sagte eine Behinderte zu mir vor ein paar Monaten: Wenn alle gleich wären, das wäre das totale Chaos. und ein extrem langweiliges und gefährliches finde ich... Für Interessierte: mal hier und hier vorbeischauen.

1 Kommentar

  1. raketenprinz am 14.11.06 - 10:28

    Bravo, Herr Spango! Wieder einmal ein richtige Worte zum richtigen Thema. Und je mehr wir Behinderung ausgrenzen und unterbinden, umso krasser nehmen wir die Abweichung von der gefühlten Norm wahr, wenn wir ihr mal angesichtig werden.
    Um mal ein unerwartetes Gegenbeispiel zu bringen: In den USA sieht man viel mehr Menschen in Rollstühlen, einfach weil dort sowohl die entsprechenden Diskriminierungsverbote schärfer als auch die Vorschriften zu behindertengerechtem Bauen strenger und schon länger gültig sind.
    Selbst erlebt: einchecken mit Rollstuhl. In Deutschland eine grenzerniedrigende Erfahrung, da man allen zur Last fällt und dies auch gezeigt wird. In USA eine Routineangelegenheit, bei der alle ihre Würde bewahren.


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