Der Tag beginnt mit der Einsicht, dass noch einmal umdrehen, weil man ja mal probeweise mal eine andere Bahn nehmen kann, der kühne Versuch ist, die Realitäten nicht wahrzunehmen.
kämpfe!feiger zug!!!
Doch zunächst folgt auf das Duschen, bei dem man nur ganz knapp wieder dem Genickbruch entgangen ist, weil man sich auf einem Bein stehend, das andere einseifen muss, den Halt verliert und nur mit dem Leben davonkommt, weil der Sockel des Fensterbretts per Zufall den Absturz unterbricht und Halt bietet. Morgen wird sich wieder ganz genau so eingeseift. Soviel ist sicher.
Währenddessen kocht die Kaffeemaschine den morgendlichen Willkommensdrink. Doch ertönen sehr fremde Geräusche aus der Küche, als man im Wohnzimmer nach Anhaltspunkten für den Verbleib seines Gürtels sucht. In der Tat wird es nichts mit dem Willkommensdrink, da man vergessen hat, den Filteraufsatz gescheit festzusurren. Die mit Druck hochgepresste Brühe sifft an den Seiten heraus und gibt dem Gewürzregal einen reduzierten Pollock-Look.
Aufgrund des Beseitigens der Brühe, bleibt keine Zeit für einen Snack. Man hetzt zum Bahnhof, willens, die Bahn zu erreichen. Hier kommt man zunächst zur Ruhe, weil eine Verspätung von fünf Minuten angekündigt ist. Man stellt außerdem fest, dass man das Mobiltelefon wohl auf dem Sekretär hat liegen lassen, als man den Tascheninhalt der anderen Jacke in das heutige Jackett übertragen hat. Man holt sich einen Kakao, weil Koffein zu diesem Zeitpunkt die falsche Maßnahme ist.
Die Ruhe hält an. Der Zug nimmt sich nochmals zehn Minuten Zeit. Trotzdem kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Denn Heute sind die Anschlüsse großzügig geplant und geben einen gewissen Puffer. Im Zug findet sich sogar ein Sitzplatz. Und man denkt am ersten Halt auf der Strecke schöne Scheiße!, denn man hat verdrängt, dass die S-Bahn beim Schließen der Türen immer so plärrt. Siebenmalig fiept es wie von Sinnen, bevor die Türen, nach einem letzten Zucken, endlich Ruhe geben. Und wie viele Haltestellen sind es noch?, denkt man und versucht, diese Aufzählung herunterzuspielen. Gegenüber sitzt eine junge Frau mit einem Dale-Carnegie-Lebensratgeber-Klon. Aloe Vera – So finden Sie Entspannung und Ruhe. Oder so ähnlich. Und was sieht man auf dem Cover? Eine Aloe Vera, auf die viele bunte Blüten gemalt sind. Die Blüten haben Namen wie Zufriedenheit, Glück, Liebe und andere leere Versprechungen, die der Pflanze, mit Recht, völlig fremd sind.
Die junge Frau schließt ihr Buch und packt einen Schminkkoffer aus. Etwa fünfzehn Minuten pudert sie ihr Gesicht. Dabei verrenkt sie sich ohne Grund, um in ihren Handspiegel zu gucken und stößt meine Knie an. Mein rechtes Knie wird immer dick, weil es langes Sitzen ablehnt. Und dann noch die Störung von außen. Nicht genug, dass man zwischendurch immer aufstehen muss, um sein Bein zu strecken. Denn dann knackt das Knie und beruhigt sich. Gerade hat man diese Übung gemacht, da stößt einen die Trulla an. Entschuldigt sich und man nimmt stumm an, vor allem weil man nicht bereit ist, über das Knie zu reden. Dann hält die Bahn. Nichts als Felder und grauer Horizont. Das Ziel ist immer noch mindestens zwanzig Minuten entfernt, vorausgesetzt, der Motor würde laufen, weshalb auch die Durchsage, dass gleich das Ziel erreicht würde, eine Lüge darstellt. Eine faustdicke…
Und die Durchsage ist plärrend laut. Man sitzt direkt unter dem beschissenen Lautsprecher und steht kurz vor der Explosion. Und das Mobiltelefon liegt irgendwo faul herum. So kann man auch niemanden erreichen, wenn man verschollen geht. Zumindest kommt die Bahn irgendwann an, man hat genau den Anschluss verpasst und muss lange auf den nächsten warten. Jetzt ist nichts mehr zu verlieren. Da ist auch ein Kaffee drin. Der wird, Macht der Gewohnheit, zu einem Viertel über die Hand gesuppt. Obwohl man sich wirklich bemüht hat, das Gefäß sorgsam in die Hand zu betten und die Zentrifugal- und Erdanziehungskraft auszutarieren. Ein Geräusch schreckt einen aus der Konzentration. Der Balanceakt misslingt. Denn das Jackett plärrt. Das Mobiltelefon ist nicht zu Hause geblieben, sondern ist beim morgendlichen Umzug mitgenommen worden. Das ist natürlich ein Schreck. Wenn ein Kleidungsstück plötzlich tiriliert und man ad-hoc keine Erklärung parat hat. Jetzt sagt man niemandem mehr Bescheid. Man ist an dem Punkt angelangt, an dem man sich mit der Situation abgefunden hat. Ist man halt verloren. Pööhh! Was soll schon passieren. Haben schon ganz andere überlebt.
Der Restkaffee soll nun seiner Bestimmung folgen. Doch anstatt sich mit seinem Schicksal abzufinden, landet er wieder auf der Hand. Wieder war es ein Geräusch, das den Besitzer die Kontrolle verlieren ließ. Es entsteigt einem Lebewesen mit rosa Micky-Mouse-Sweatshirt. Es schreit unaufhörlich. Dinge wie: BOAAAHHH!!!!! DASSS ISSSS VOOOLLLL LÄÄÄCCKKKAAARR!!!! , und bollert wie irre auf einen Automaten ein, der schlechte Nahrungsmittel zu unverschämten Preisen anbietet. Hinter dem Lebewesen schließt sich ein Chor an, der zeitverzögert Versatzstücke der Sprachfetzen nachplärrt. Der Chor schließt sich dem kakophonischen Sweatshirt an und drückt sich die Nasen an der trüben Scheibe der Auslegware platt. Das Lebewesen plärrt immer noch: KÄÄÄNNNNSSEE NISCH????? BIS’ WOHL VOLL BEHINDÄÄÄHHRT!!!!! NÄÄÄÄÄ!!!! KRIEGSTE NIX VOOONNN AAAABB!!!!!
Langsam schleicht man sich heran, ärgert sich, dass man den Inhalt des Waffenschranks aus dem väterlichen Erbe verscherbelt hat und überlegt, einfach mal….. Doch dann passiert etwas, was man kaum geglaubt hätte. Eine Pädagogin ruft die Plärrenden zur Ruhe. Sie gehorchen. Schweigen. Entfernen sich. Und man ist immer noch nicht vorbestraft.
Man trinkt den kümmerlichen Rest des fiesen Kaffees, guckt unzufrieden auf die Uhr. Und wieder lässt das Zeitempfinden der Deutschen Bahn doch sehr zu wünschen übrig. Oder ich vielleicht? Zeit rast…um es mal abzukürzen: die weiteren Verbindungen haben auch nicht geklappt und ich bin nur mit sehr viel Mühe ruhig geblieben. Zurück im Rhythmus habe ich dann übermütig einen Karton hochgehoben, mich dabei gedreht, weil ich noch etwas total Lustiges sagen wollte und mir dadurch den Lendenwirbel ausgerenkt. Das war vor drei Tagen. In dieser Zeit ist der Wirbel plärrend bis in den Kopf gewandert, hat wilde Verwüstungen ausgelöst und plärrt immer noch, inzwischen aber viel leiser. Je mehr das Plärren verhallt, desto mehr kehre ich auf Normalmodus zurück. Obschon meine Körperhaltung das bisher nicht verrät. Übrigens ist Duschen ohne Pfleger gerade kaum möglich. Wenigstens der Genickbruch wird auf diese Weise in näherer Zukunft unwahrscheinlich.
