Sonntag, 22.10.2006
00:06 » three minutes invading....
Es ist Samstag, siebzehn Uhr, auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof. Zwei Frauen teilen sich einen Döner. Beide können sich kaum auf den Beinen halten. Vielleicht gab es heute neben literweise Schnaps auch eine Portion illegales Rauschgift, das alles vergessen lässt. Während die eine Frau in den Döner beißt, fallen die Mischung aus Schabfleisch, Salatfetzen und Tzaziki herunter. Sie hat es nicht ganz bis in den Mund geschafft. Ein Teil landet auf der Bauchtasche, der Rest auf ihren Schuhen. Die andere Frau reagiert zeitverzögert. Noch vor der Esserin. Sie spuckt auf ein zerknülltes Taschentuch und entfernt vorsichtig die Flecken auf dem ausgeleierten T-Shirt.

Dabei hat sie Mühe, nicht den Halt zu verlieren. Lehnt sich vornüber, um wie eine Hollywoodschaukel nach hinten zu schunkeln und sich mit der freien Hand auf dem dreckigen Asphalt abzustützen. Die Esserin bemerkt den Einsatz erst, als die andere vor ihr kniet und beginnt, die Schuhe zu reinigen. Die Schuhe, deren Farbe nicht mehr zu erkennen ist. Der linke ist vorne aufgerissen und lässt die Zehen herausragen. Die Frau putzt fast zärtlich um die Zehen herum. Die Esserin schimpft. Sie soll aufhören, die Schuhe sauber zu machen. Stotternd erhebt sich die Säuberin. Als sie auf Augenhöhe angekommen ist, legt die Esserin ihren linken Arm um sie. Drückt zu und sie fest an sich. Nach einer langen Umarmung lösen sie sich und geben sich einen Kuss.

Daneben steht eine Gruppe Senioren. Mindestens Mitte Siebzig. Ihre Wangen sind gesünder als die von Säuglingen. Sie haben moderne Wanderstöcke aus Leichtmetall, die sich locker über den Boden kreisen lassen. Komplettiert durch einen ebenso neuen Wanderdress unterhalten sie sich lautstark über die nächsten Ferienziele. Unterbrochen wird ihr das Gespräch nur durch Ihr lautes, angenehmes Lachen. Lachen, das allein die Konversation hervorbringt. Sie schauen manchmal in Richtung der beiden ungewaschenen, schwankenden Frauen. Doch ohne Kopfschütteln oder anschließendes zwielichtiges Gemurmel.

Ein junger Mann, um die Zwanzig geht vorüber. Spuckt auf den Boden und öffnet eine Dose Bier. Wochenendverhalten. Ignorantes seiberndes Verhalten. Die Senioren schauen ihn angewidert an. Der Mann versucht die Gruppe böse anzusehen. Die Gruppe lacht. Der Mann errötet.

Ein einzelner älterer Mann geht von Abfalleimer zu Abfalleimer. Leuchtet mit einer kleinen Taschenlampe in die Müllschlünde. Geht danach die Fahrkartenautomaten ab und überprüft, ob jemand sein Wechselgeld nicht entnommen hat. Er trägt einen – sichtbar gepflegten, dabei auch sichtbar sehr lange getragenen, grauen Anzug. Dabei schleicht er, stets bemüht, nicht sichtbar zu werden.

Ein sehr junge, sehr korpulente Mutter, erklärt ihrer Begleiterin, während sie aus einer Flasche Cola trinkt, wie viel Geld ihr geschuldet wird und warum sie deswegen ihre Schulden nicht zurückzahlen kann. Das Kind im Wagen beginnt zu schreien. Sie gibt ihm eine Schokoriegel und füllt das Fläschchen mit Cola auf. Das von alten Essensresten verschmierte Gesicht, des circa Dreijährigen reagiert nicht mit Freude, eher mit Pawlow. Schon jetzt hat er erwachsene Augen. Und den Ansatz eines Bauches. Er beißt zu große Stücke des Riegels ab und spült sie gierig mit dem Zuckergebräu herunter. Die Mutter erzählt weiter während die Begleiterin eine sms schreibt. Und wirft mit Fingerzeig auf die schwankenden Frauen den Begriff ‚Pack!’ ein.

Eine Taube fliegt über mich hinweg. In Zeitlupe. Mars Attacks!?. Sind sie schon da oder ist es Zeit für die Ankunft? Es ist Samstag, siebzehn Uhr drei, auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof.

5 Kommentare

  1. Holg am 23.10.06 - 10:13
    (editiert: 23.10.06 - 12:13)
  2. Tod Spango am 23.10.06 - 14:45
    (editiert: 23.10.06 - 16:45)
  3. fab am 23.10.06 - 15:10
    (editiert: 23.10.06 - 17:10)
  4. Holg am 23.10.06 - 15:24
    (editiert: 23.10.06 - 17:24)
  5. Tod Spango am 23.10.06 - 16:00
    (editiert: 23.10.06 - 18:00)

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