Mittwoch, 18.10.2006
12:19 » Poverty in Progress
Wenn man nichts mehr mitbekommt. In der Abhängigkeit des ÖPNV steht. Bleiben nur zwei Möglichkeiten: entweder, man schreibt über den ÖPNV oder man schießt ein paar Gedanken raus, die auf keiner festen Basis von Fakten fußen. Weil der ÖPNV dazu neigt, sich zu wiederholen und ich selber Redundanz total zum kotzen finde, entscheide ich mich dafür, mal schön die Gedanken streifen zu lassen. Fakten sind für mich eh nur ein Popanz aus widerlegbaren Sinneseindrücken. Da kann ich die auch schön weglassen und mir mal freien Lauf lassen.

Mitbekommen hat Spango, dass sogar die schreibende Zunft die Armut in Deutschland als Thema erkannt hat. Schön. Gestern hieß es noch „Du bist Deutschland“, „Der Papst ist Deutschland“ und „Deutschland ist besserer Weltmeister“. Da schrieben sich alle die Finger bis auf die Knochen runter und laberten bis der Kehlkopf den Dienst versagte. Über die vertanen Möglichkeiten im Land. Über die unberechtigte schlechte Laune im Land. Über die wirklich unberechtigte gute Laune im Land. Über sogenannte Leistungsträger und die, die sich weigern, welche zu sein. Insgesamt einte dieser Schwall aus Ignoranz und Überheblichkeit. Dieser Wanst aus Klugscheißerei und hässlichgeistiger abgehobener Betrachtungen nur eins: das Thema wurde verfehlt.

Gut, ungenügend fällt die Essenz aus Feuilletons und den Rubriken selbsternannter Fachleute fast immer aus. Nur hier war es schon interessant wie um einen ernsthaften Kern immer neue Fata Morganas erschienen und analysiert wurden. Jeder, der auch nur ein wenig Grips hat und die Augen auf hält, erkennt zwangsläufig, dass die Armut in Deutschland in den letzten Jahren rapide zugenommen hat. Natürlich auch jeder Politiker. Es gibt wirklich wenige Statistiken, die man sich zu Gemüte führen sollte. Aber die alljährliche Armutsstatistik ist eigentlich Pflicht. Seit Jahren nimmt hier die Anzahl von Bürgern rapide zu, die unter der Armutsgrenze herumkrebsen. Unter ihnen ist welche Gruppe die, die am schnellsten expandiert? Es sind die Kinder. So und jetzt mal schön zurücklehnen, die Bundesligastatistik auf Seite legen und an dieses Land denken.

Da gibt es eine Regierung, die – angeführt von Frau Dr. Merkel – stets fordert, dass alle mal ein bisschen dran ziehen sollen. Mal bitteschön sich ein wenig Mühe geben und sich nicht auf der „sozialen Hängematte“ ausruhen. Die Arbeitsplatzwundermaschine, das Perpetuum Mobile für Vollzeitbeschäftigung, wurde schon von der Vorgängerregierung eingeführt.

Sie heißt Hartz 4 und hatte schon den Geist aufgegeben, als die Verfasser ihr Machwerk triumphierend präsentierten. Es ist schlicht gelogen, dass durch die Kürzung von Sozialleistungen plötzlich mehr Arbeitsplätze entstehen. Genauso falsch ist es, anzunehmen, die Mehrzahl der Arbeitslosen wolle nicht arbeiten. Die Probleme sind genauso langfristig entstanden, wie sie auch nur langfristig zu lösen sein werden. Über die Aufreger für Bildzeitungsleser lasse ich mich hier nicht aus. Wer daran glaubt ist eh nicht mehr zu retten.

Wer ernsthaft annimmt, dass das Gros der Unterschichtler gerne in muffigen Wohnungen lebt und gerne am Rand der Gesellschaft immer weniger geduldet vegetiert, der glaubt auch, dass Jacketts mit Goldknöpfen schick oder die Frisur von Kai Dieckmann smart ist.

Und diese Idioten sind es auch nicht wert, dass man sich weiter mit ihnen befasst. Wert sind es aber die Kinder. Ohne die sieht es wirklich finster aus.

Ein kleiner Exkurs in Sachen: Themen, die die Welt bewegen. Weite Teile der Bevölkerung nehmen gerne Teil an den Problemen der so genannten Prominenten. Obwohl wirklich Prominente es eigentlich nicht nötig haben, ihre Menstruationsbeschwerden und Ejakulationsschwierigkeiten dem Goldenen Blatt zu erzählen.

Wenn etwa von Frau Ohoven, dieser abartigen Trulla, erzählt wird, und ihren Problemchen. Ja, es ist genau die! Die, die mit einem Sektkühler aus reinem Platin durch die Reihen aus Geldadel und Waffenhändlern rennt und ihn mit ein paar Scheinchen füllen lässt. Die mit ihren Hooverlippen Bekenntnisse zu sozialer Gerechtigkeit und Gutmenschentum runterbetet, während zu Hause wieder ein neues Cabriolet inklusive drahtigem Chauffeur wartet, weil Männe wieder mal eine Jüngere durchgezogen hat.

Es ist tatsächlich eben genau die Hackfresse, die mal von Herrn Kashoggi „Spenden“ angenommen hat, um Prothesen für Kinder anzuschaffen, die nur gebraucht werden, weil der Herr eben jenen Kindern mit seinen lukrativ gehandelten Tretmienen die Gliedmaßen weggefetzt hat. Wunderbar, gell? Man stelle sich vor: ein vierjähriger Junge spielt auf einem Feld. Seine Beine werden bis zur Hüfte weggerissen. Er liegt jämmerlich blutend und schreiend auf dem Boden. Sein linker Fuß – nunmehr ein roter Brei aus Kochen, Knorpel und Fleisch, ist zuerst zehn Meter in die Höhe geschnellt und neben ihm gelandet. Hüft abwärts ist alles weggebombt. Und umgibt den Jungen als Kreis aus Fleisch- und Knochenstücken.

Es gibt nur einen triftigen Grund für das „Engagement“ dieser schlecht operierten Damen der High Society. Langeweile. Als Zwanzigjährige wären sie nie auf die Idee gekommen, sich für etwas einzusetzen. Da war überall genug Rambazamba. Die sexuellen Angebote waren noch ernst gemeint. Man wurde akzeptiert, weil die Titten prall und die Augen noch an dem für sie vorgesehenen Ort waren.

Aber zurück zu der wachsenden Unterschicht. Wie gesagt, seitenweise werden die Tiefs von Menschen abgehandelt, aus denen sie hoffentlich nicht mehr heraus kommen. Der Porsche hat nen Platten. Das angeblich einzigartige Haute-Couture-Kleidchen wurde auch von einer anderen Partyplunze zum Wohltätigkeitsbesäufnis getragen. Ich möchte diesen Menschen, aber auch den feuilletonistischen Betrachtern mal ein richtiges Tiefszenario anbieten. Wie wäre es mit einem Jahr Arbeitslosigkeit? Mit allem Zipp und Zapp. Mal sehen, wie viel Motivation dann noch übrig ist. Werden sie die Kraft haben, sich in der Schlacht gegen den Apparat der Agentur für Arbeit noch einen Rest Würde zu bewahren? Werden sie genug Substanz erhalten können und sich nicht den Berieselungsmaschinen zu ergeben? Ich bin da skeptisch.

Darum geht es schließlich: Man muss sich auch mal die Mühe machen, sich in die Menschen hineinzuversetzen, die den ganzen Tag damit leben müssen, dass sie nicht mehr teilhaben können. Weil teilhaben kann man in Deutschland nur, indem man konsumiert. Dazu schreit es ja jeder aus jeder Ecke: Nutzloses Pack! Das muss man zur Arbeit zwingen! Kürzt weiter alles zusammen! Und ja: es wird sicher weitere Kürzungen geben. Dann gibt es halt nur noch Dauerwurst. Jeden Tag. Die Wurst zum Zustand. Entweder nimmt man die Menschen ernst und versucht, Hilfe zu leisten. Oder man hat das Ziel, zum Teil gut Ausgebildete in Ein-Euro-Jobs (allein der Begriff ist schon einen Preis wert: Arbeit muss sich schließlich wieder lohnen) zu verheizen.

Die Umverteilung des Reichtums schreitet forsch voran. Und es ist mir scheißegal, wenn jetzt jemand kommt und feststellt, dass ich mich leerer Klassenkampfparolen hingebe. Es stimmt. Siehe Steuerreform. Siehe Gesundheitsreform. Siehe Abbau des Sozialstaats. Über kurz oder lang wird das System den Bach runtergehen. Dann gibt es nur noch Trüffelesser oder Dauerwurstvertilger. Vollbeschäftigung ist Schwachsinn. Ich fordere hier und jetzt, mit vollem Nachdruck und unmissverständlich die Vollbeschäftigung. Die Vollbeschäftigung für den Kopf. Vor allem für Kinder. Die, die in Armut aufwachsen und nichts anderes kennen, als Dauerwurst. Die sich von dem ganzen medialen Abfall einlullen lassen, weil sie denken, eh keine Schnitte zu haben. Ihnen muss die Möglichkeit gegeben werden, den Kopf zu benutzen, die Chance, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Aber wie sollen diese Menschen das alleine schaffen? Und wie sollen dabei Eliteuniversitäten helfen? Und Studiengebühren? Und Frau von der Leyen, die Ralf Möller als neue Identifikationsfigur entdeckt hat?

Die Kohle muss also raus. Für Bildung und in der Tat für Sozialleistungen. Ja, noch mehr Geld. Das nicht weiter in Verwaltungsmonstren gesteckt wird, die den Status Quo erhalten, der nicht mehr bezahlbar ist.

Das ist alles natürlich hektisch heruntergerasselt und wirr. In Zeiten, wo selbst Prinzen fast zum Sozialismus konvertieren, passt es aber ins Bild.

7 Kommentare

  1. poop am 18.10.06 - 17:27
    (editiert: 18.10.06 - 19:27)
  2. Genosse am 19.10.06 - 16:27
    (editiert: 20.10.06 - 00:21)
  3. Tod Spango am 20.10.06 - 01:03
    (editiert: 20.10.06 - 03:03)
  4. raketenprinz am 20.10.06 - 19:35
    (editiert: 20.10.06 - 21:35)
  5. Alexandra am 20.10.06 - 20:32
    (editiert: 20.10.06 - 22:32)
  6. Tod Spango am 23.10.06 - 14:51
    (editiert: 23.10.06 - 16:51)
  7. Eddy Renard am 04.11.06 - 08:50
    (editiert: 04.11.06 - 09:50)

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