Schönheit liegt im Auge des Betrachters, aber leider oftmals noch nicht einmal dort.
Während sich mir vor wenigen Wochen die Gelegenheit bot, mich in Versform über die olfaktorische Ignoranz zu äußern, die die kulturelle Hauptstadt des alten Europas verströmt, wenn man denn das unschätzbare Glück hat, dort zu weilen, wird es sich hier nun in Prosaform um ästhetische Ignoranz drehen. Um eine sehr aufdringliche Form derselben gar.
Ignoranz ist in letzter Zeit sowieso zu einem meiner absoluten Lieblingsthemen gediehen, neben dem Dritten Weltkrieg sowie einer gewissen Aktualitätslage folgend allergischen Hautreaktionen auf Insektenstiche. Dazu später mehr.
Ich wohne im Keller. Im Souterrain, um genau zu sein, aber weil alle immer schon „Keller“ sagen und ich mich hier an sich auch recht wohl fühle, sag‘ ich augenzwinkernd seit längerer Zeit auch „Keller“.
An sich fühle ich mich hier recht wohl, d.h. manchmal muß man da sauber differenzieren.
„Bestimmt dunkel da“, mag der/die eine oder andere jetzt wohl denken.
Haha! Weit gefehlt!
Sehr hell! Zumindest tagsüber.
Warum? Eine breite Fensterfront in Erdbodenhöhe besorgt den erquicklichen Einfall von Tageslicht.
Weil dies zunächst einmal das Wichtigste ist, was von draußen hereinkommen sollte, verzichte ich auf Vorhänge oder Gardinen.
Es gibt jedoch noch mehr, viel mehr: Auf der Wiese, die bündig mit der Unterkante des Fensterrahmens beginnt (Wenn ich auf der Couch liegend scherze, sind die Witze im wahrsten Sinne des Wortes unter der Grasnarbe...Hihi!), tummeln sich mitunter lebensfrohe Kaninchenhorden, emsige Singvögel, leicht verpeilte, weil in aller Regel völlig hektische Eichhörnchen, von Zeit zu Zeit mal ein ausgemergelter Kleintierkadaver sowie allerlei Insekten und Gewürm. Toll! Ich mag das sehr, weshalb ich praktisch ständig hinausblicke. Aufrichtig!
Gut äh, die Wiese wird regelmäßig gemäht. Muß ja auch gemacht werden. Das erledigt das ältere Ehepaar aus dem Erdgeschoß rechts über mir. Wär‘ halt schön, wenn ich immer vor dem Duschen wüßte, daß die in kleineren Zeiteinheiten gemessen dann doch nicht so regelmäßige Verrichtung des Rasenmähens in den nächsten Minuten ansteht. Das hätte mir sicherlich jene peinliche Situation erspart, als ich mir einst währenddessen vom Badezimmer aus mit kaum mehr bekleidet als einem Wattestäbchen im rechten Ohr meinen Weg in Richtung Kleiderschrank bahnte, um mich dort mit frischen Textilien einzu- und schließlich zu bedecken.
Passiert.
Meine Nachbarn wissen das garantiert zu schätzen, sind sie doch zu großen Teilen überaus freundliche und reinliche Menschen. Zumindest diejenigen um die 70 Jahre Lebensalter. Die machen nämlich bei Nichtregen von ihrem mutmaßlich seit Kiesingers Kanzlerschaft praktizierten Gewohnheitsrecht Gebrauch, Ihre Wäsche zum Trocknen an zwischen Haus und Zaun gespannten Leinen vor meinen Fenstern aufzuhängen.
Ihre komplette Wäsche. Auch Unterwäsche. Auch Schlüpfer. Ein fieses Wort, aber die bezeichneten Objekte sind ja auch sowas von fies – frisch gewaschen hin oder her.
Nochmal im Klartext: Menschen knapp diesseits bzw. deutlich jenseits der 70 hängen ihre dem ästhetischen Empfinden ihrer Generation entsprechende Unterwäsche vor meine Fenster. Das kann niemand ignorieren. Gar nicht.
Damit nicht genug: Wenn sie einmal draußen sind, nutzen sie auch gern mal die Gelegenheit, zu mir reinzublicken.
Ausschnitt aus einem Dialog im Treppenhaus:
„Sie haben doch einen Computer, nä?“
„Ich? Äh, ja...?“
„Jaja. Hab‘ isch jeseh’n. Beim Wäscheaufhängen.“
Keine weiteren Fragen. Ihr Zeuge.
Heute komme ich also nach einem nicht allzu tollen Tag gegen 19:00 Uhr nach Hause. Es dämmert bereits der Jahreszeit entsprechend heftigst. Eigentlich müßte ich das elektrische Raumlicht einschalten.
Was mir zuvor jedoch mein erster Blick ins fahle Dämmerlicht durch das Fenster nach draußen entbirgt, sind Handtücher, Waschlappen und
S C H L Ü P F E R ! ! !
Soweit, so schlecht.
Wenn ich jetzt das Licht einschalte, sehe ich vom Draußen zwar nix mehr, die Nachbarin, die den Kram aller Erfahrung nach sehr zeitnah reinholen wird, sieht jedoch alles.
Ich stelle mir das ungefähr so vor:
„Lisbeth, die Wäsche trocknet im Dunklen nicht mehr. Willste die denn nicht langsam mal reinholen, bevor der Pilawa losgeht?“
„Jaja, Schorsch. Aber wart‘ ma kurz. Der Nachbar mit den Koteletten und dem Computer kommt gleich nach Hause. Dem kann ich dann noch mal kurz in die Bude spannen.“
Nicht daß hier jetzt Mißverständnisse aufkommen: Ich hab‘ hier unten prinzipiell nix zu verbergen – noch nicht mal ein geheimes Atomwaffenprogramm. Gleichwohl werte ich diese anhaltenden Angriffe auf meine Privatsphäre als unverhohlene Kriegserklärung.
Da bin ich dabei, das ist prima.
Seit wenigen Wochen beherbergt mein Keller eine Stromgitarre (Leihgabe des unvergleichlichen Robbies) nebst dazugehörigem Verstärker (Leihgabe des unglaublichen Holgs). Der Verstärker geht – anders als bei Spinal Tap – zwar nicht bis 11, aber für meine Zwecke reicht’s allemal.
Da mir die linke Hand infolge eines Insektenstiches am Sonntag im Zuge einer allergischen Reaktion auf Ballongröße angeschwollen ist und ich eo ipso noch schlechter Akkorde greifen kann als sonst, versuche ich zunächst genau das. Und dann diese ganzen Regler, die einen zum hemmungslosen Experimentieren einladen...
Wenn man hingegen die Saiten gar nicht in Schwingung versetzt, die Gitarre an den eingeschalteten Verstärker lehnt und dann die Lautstärke aufdreht, gibt’s ein Geräusch, das der rockmusicus vulgaris als „Rückkopplung“ oder „Feedback“ bezeichnet! Wahnsinn!
Als ich dies begeistert erkunde und die Idee reift, diese handfreundliche und gehörfeindliche Installation einfach sich selbst zu überlassen und Zigaretten kaufen zu gehen, bemerke ich, daß sich draußen vor dem Fenster etwas regt.
Wie geht das? Meine bisherige musikalische Erkundungsreise vollzieht sich bei weitgehender Dunkelheit in meiner Wohnung. (Das Rotlicht am Verstärkerknopf zähle ich nicht als Lichtquelle.)
Bastards from Hell! Join the Hate Brigade!
Was man draußen eben noch erahnen kann, ist das geschwinde Zusammenraffen des Mayhem of Textiles von den Leinen durch eine latent verhuschte ältere Dame aus dem ersten Stock. Treffer! Versenkt!
Als ich wenige Sekunden später den Verstärker aus- und das Licht einschalte, beginnt jemand im Haus, Staub zu saugen; ein anderer (derselbe?) hämmert.
Wenigstens kommuniziert man mal.
Den Dritten Weltkrieg habe ich leider noch immer nicht entfacht, aber soviel ist sicher: Beim nächsten Schlüpfer auf der Leine im Dämmerlicht, schalte ich wieder ein und verreise.
Vielleicht ja sogar nach Paris.

(editiert: 18.10.06 - 02:04)
(editiert: 18.10.06 - 11:37)
(editiert: 18.10.06 - 16:34)
(editiert: 19.10.06 - 13:19)