Freitag, 13.10.2006
10:20 » Oha - Reha - Nachlese - wem's Korsett nicht passt kann sich schleichen....

abbiegen, wenn die straße sich sträubt

Eigentlich sollte hier ein weiterer Teil der spannenden Reihe „Spango in der Reha“ kommen. Jetzt ist es halt „Spango und die Welt danach im Allgemeinen“ geworden. Vor allem, weil ich nicht mehr wusste, wo ich aufgehört hatte. Da dachte ich, eigentlich egal, ich darf schreiben, was ich will…

Wenn man sich das erste Mal bewusst wird, eigentlich über kurz oder lang die Segel streichen zu müssen. So in sehr naher Zukunft, die Konsequenzen stets vor Augen. Da kommt es recht gelegen, wenn die Haare fallen. Das lenkt ab und verschütt gegangene Energien werden frei. Schlimm ist es, wenn das Bewusstsein bezüglich des Todes an sich mit der Wahrnehmung des Schädels verknüpft wird. Es hängt halt zusammen. Zumindest in diesen Momenten gerät man komplett in Panik und pendelt zwischen der sicheren Erwartung eines Nachschlags, sprich des baldigen Todes; und dem unheilvollen Gedanken, für immer und ewig (paradox halt) stigmatisiert herumlaufen zu müssen. So ein wenig Strahlenopfer, oder Chemotherapiepatient.

In diesen Momenten kommt es einem auch so vor, als hätte man so ziemlich alles in seinem Leben versäumt bzw. alles erlebt. Man erinnert sich daran, dass man nicht alles dafür getan hat, möglichst viel Zeit mit seinen liebsten Menschen verbracht zu haben. Kommen diese dann zu Besuch, denkt man oft nach einer halben Stunde „jetz’ is’ aber mal gut…“.

Man nimmt sich vor, im unwahrscheinlichsten Fall des Überlebens, alles wieder gut zu machen. Besser zu machen und seine Zeit ausschließlich mit wichtigen Treffen und Tätigkeiten zu verbringen. Dann ist man aber plötzlich in der Realität. Man muss sich noch ein halbes Jahr nach der Krankheit richten, um sie halbwegs einzudämmen. Komplette Wochen, Monate ziehen ins Land. Man versucht das Geschehene zu verdrängen. Schafft es nicht. Zieht sich zurück. Hasst sich für seine Schwäche. Kommt sich im Alltag abwechselnd vor wie der größte Held der Neuzeit (Überleben und so…) oder die größte Nulpe des neuen Jahrtausends (Versäumnisse in der Zeit des Überlebens und so…).

Irgendwann muss man zu sich sagen „jetz’ is’ aber mal gut“. Lässt sich endlich gerechterweise das angedeihen, was man dem Umfeld immer vor den Latz geknallt hat und versucht sich aus dem Korsett gestrickt aus Angst, Zweifel, Ignoranz und Unsicherheit zu befreien.

Schnell geht einem auf, dass es nicht darum geht, was man verloren hat oder was man glaubt verloren zu haben. Genauso wenig trifft es zu, dass man nun die verbleibende Zeit als „Zweite Chance“ sieht. Es ist ziemlich beknackt zu glauben, man hätte Glück gehabt, weil man noch auf beiden Beinen steht und nicht herumstottert. Denn da irren die meisten. Das Ereignis, das zu dem Existenzabfall geführt und mich fast zu einem gemacht hat, kann niemals in einem Zusammenhang zu Glück – wie auch immer – gesehen werden. Sicher erkennt man, weil man genug Menschen trifft, die etwas viel Schwereres zu meistern haben, dass es immer noch schlimmer geht. Auch kann man die Haltung bewundern, mit der manche Menschen ihr sogenanntes Schicksal ertragen. Das bedeutet noch lange nicht, dass man sein eigenes Leben damit in Relation setzt. Und erst recht nicht, dass irgendjemand, der es nicht erlebt hat, feststellen kann:

Mönsch, da haste aber noch mal Glück gehabt. Man merkt Dir gor nüschts an.

Es interessiert Null, ob irgendjemand irgendetwas bemerkt. Es zählt allein, dass man selber bemerkt, dass man sich verändert hat. Damit muss man zurechtkommen. Es ist schön, wenn die Umstehenden applaudieren, weil beide Augen halbwegs gleichzeitig zwinkern, oder die Finger eine Tastatur bedienen können. Es ist sogar beruhigend, wenn nach einiger Zeit, die Hirngeister zurückkehren und den Spuk des Nichtdenkens partiell verschwinden lassen.

Und es kommt auch der Punkt, wo man sich sagt: „jetz’ is’ aber mal gut!!!“. Diesmal mit mehreren Ausrufezeichen. Obwohl der Zustand dieser Erkenntnis immer wieder von Phasen reinster Lebensunlust aus Angst und greller Panik unterbrochen wird, wird er bestimmend. Das war das Ziel und das ist erreicht. Man beruhigt sich damit, verschiedene Frisuren ausprobiert zu haben. Eine Vielzahl Menschen an seiner Seite zu wissen, die den Spango ertragen. Mit allem, was umherspukt. Und, dass der Alltag Einzug gehalten hat. Ohne glückstaumelnde Dankbarkeit für „die Zweite Chance“, ohne ewige Angst vor erneutem Niederschlag, sondern in der Weise, wie man ihn schon zuvor für sich eingerichtet hatte. Es gibt hie und da wichtige Neuerungen. Insgesamt verläuft er aber auf dem Niveau Spango Normal. Er rennt in dem Korsett gestrickt aus Angst, Zweifel, Ignoranz und Unsicherheit herum. Dem alltagstauglichen. Das, was so lange im Schrank hing und nicht mehr passte.

Insgesamt ist so:
Das Gute missfällt uns, wenn wir ihm nicht gewachsen sind , behauptete der alte Nietzsche. Und das Gute hat viele Facetten. Glaube ich wenigstens...

3 Kommentare

  1. Alexandra am 15.10.06 - 11:39
    (editiert: 15.10.06 - 23:35)
  2. Tod Spango am 16.10.06 - 13:09
    (editiert: 16.10.06 - 15:09)

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