Dienstag, 10.10.2006
09:25 » wenn die bahnler schocker tragen...
Der ÖPNV im Raum Köln ist ein schlecht funktionierendes Monstrum mit vielen Armen und Beinen. Nur leider ohne Kopf.

Die Gliedmaßen schleichen in dunkelblauen Uniformen umher und verströmen den Duft ranziger Inkompetenz. Stets bemüht, den Blicken der Aasfliegen, aka Kunden, auszuweichen, schmuggeln sie sich unter die Menge. So ist es schwer, sie auszumachen.



Heute Morgen fuhren keine Straßenbahnen vom HBF Richtung Neumarkt. Aber da muss ich leider hin. Hinter einem Informationsstand steht eine Gliedmaße des Kölner ÖPNV und legt mir als Antwort auf meine Frage nach Transportmöglichkeit Neumarkt, einen Zettel in die Hand. Sonst bleibt es stumm und schaut weg, nachdem es glaubt, seinen Dienst verrichtet zu haben.

Der Zettel hat einen Namen: Linienmatrix zu den Trennungen ab Oktober 2006. und er offenbart eine seltsame Tabelle mit vielen Zahlen und Runenrudimenten, die ich direkt in den Müll werfen will. Ich studiere dieses Pamphlet des Irrsinns natürlich nicht, sondern nehme es mit, weil ich sonst den Titel vergessen würde. Der hat einigen Charme. www.whatistheöpnv.com.

Es wird nicht aufgegeben, sondern weitergekämpft. Ich frage eine weitere Gliedmaße, verbunden mit unhöflichem Drängen meinerseits, die dann unter Druck die Zahlenkombination 125, verbunden mit einem Fingerzeig Richtung Bahnhofvorplatz, herauspresst. Ach so, schließe ich selbstherrlich – er meint sicher den Schienenersatzverkehr. Diese als Hilfe getarnte Attacke gegen die überlebenden Passagiere. 125 ist natürlich gelogen, weil die falsche Himmelsrichtung. Also stelle ich mich zu dem Menschenknubbel aus den mehr oder weniger geduldig Aufmarschierten Gedemütigten.

Auf einmal brüllt mitten aus der Ansammlung eine kreischige Frauenstimme: Ebertplatz McDonalds rechts Kreisverkehr links. Ein Viertel der Masse schaut irritiert, und erneut schallt es: Ebertplatz McDonalds rechts Kreisverkehr links. Ebertplatz McDonalds rechts Kreisverkehr links.

Langsam löst sich der Knubbel auf und in seiner Mitte entbindet sich eine runde, dunkelblaue Gliedmaße mit schlecht blondierten Kopffransen. Das eben noch irritierte Viertel schleicht sich dann (Ebertplatz McDonalds rechts Kreisverkehr links).

Die Gliedmaße schaut entnervt. Zum einen ist sie nun sichtbar. Zum anderen wird sie nun mit Fragen überschüttet, die sie nicht im Geringsten interessieren. Obwohl höchstens Mitte Zwanzig, hat sie sich zahlreiche geplatzte Äderchen in die Gesichtshaut gesoffen, die noch ein wenig übersichtlicher sind, als der Linienübersichtsfahrplan der KVB. Die proper sitzende Hose, die die mächtigen Hüftknochen wie eine jeansgegerbte Baumwollepidermis einschweißen, wird von einem Gürtel geziert, der neben einer Mobiltelefonhalterung aus tigergemustertem Lederimitat mit nikotinvergilbtem Sichtfenster auch ein Elektroschockgerät bereithält. Wie jetzt!, denke ich bei mir. Wissend um die fehlende Bereitschaft, Auskunft zu erteilen, freundlich zu sein, geschweige denn, seinen Job zu erledigen, spielt die Gliedmaße wohl sogar mit dem Gedanken bei zu viel Stress, die Stresser einfach aus dem Weg zu räumen.

Das ist dann selbst für ÖPNV-Verhältnisse ein starkes Stück Entwicklung in Richtung Guerilla-Service. Oder läuft das unter dem Motto „Selbstverteidigung im Fall von übermäßiger Belastung (Belagerung) durch Kundengelump“?

3 Kommentare

  1. Holg am 11.10.06 - 00:03
    (editiert: 11.10.06 - 02:03)
  2. Tod Spango am 11.10.06 - 11:10
    (editiert: 11.10.06 - 13:10)
  3. DerSven am 12.10.06 - 14:20
    (editiert: 12.10.06 - 16:20)

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