Samstag, 16.09.2006
12:36 » Wahlhalla
Am morgigen Sonntag finden in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern Wahlen zum Abgeordnetenhaus bzw. Landtag statt. Was Berlin anbelangt, ist die Sache längst geritzt. Seit Monaten macht sich Berlins parlierender Bürgermeister Klaus Wowereit einen Riesenspaß daraus, seinen Kontrahenten Friedbert Pflüger wie einen abgehalfterten Tanzbären am Nasenring durch die Wahlkampfmanege zu ziehen.
War politischer Dilettantismus, purer Fatalismus oder gar Selbstironie der Grund, der die hauptstädtischen ChristdemokratInnen bewog, erneut eine solche Pfeife zum Spitzenkandidaten zu küren?
Schon 2001 schienen sie ja mit der Ernennung Frank Steffels, dessen größter Wahlerfolg bis heute die Erringung der Präsidentschaft der Reinickendorfer Füchse e. V. geblieben ist, den Vogel abgeschossen zu haben. Aber nun auch noch Richard von Weizsäckers ehemaliger Bleistiftanspitzer Pflüger, der in letzter Zeit eher durch seinen Rosenkrieg mit Margarita Mathiopoulos, von der er bislang vergeblich Alimente für sich und seine ehemalige persönliche Referentin und jetzige Lebensgefährtin fordert, auffiel als aufgrund politischer Initiativen – was wohl besser ist im Falle eines Mannes, der Oriana Fallacis islamophobe Essaysammlung „Die Wut und der Stolz" einst als „Weckruf für Europa“ pries.
Pflügers Affinität zu Berlin – klar, vorhanden. Wenngleich er Anfang der 90er Jahre im Zuge der Hauptstadtdebatte für Bonn votierte. Nichtsdestotrotz, Berlin ist natürlich eine dufte Stadt. Nicht ganz so toll wie Hannover zwar, dem er inmitten des Wahlkampfes per Zeitungsinterview ewige Treue schwor, aber immerhin.
Klare Sache: Die CDU wird morgen 23,7 Prozent einfahren, Pflüger darf sich weiterhin auf den Kampf um seine Alimente konzentrieren und Wowi sich langsam für höhere Weihen warmgrinsen.

Anders stellt sich die Lage im bislang ebenfalls Rot-Rot-regierten Mecklenburg-Vorpommern dar, wo SPD und CDU etwa gleichauf zu liegen scheinen. Doch egal, ob nun Harald Ringstorff sein Ministerpräsidentenamt zu verteidigen mag oder sich Herausforderer Jürgen Seidel durchsetzen kann, das republikweite Geschrei wird morgen groß sein, denn die NPD steht vor einem erneuten Einzug in einen ostdeutschen Landtag – womöglich sogar mit einem Ergebnis im zweistelligen Bereich.
Wie in Sachsen wird ein gutes Dutzend NS-Nostalgiker zähneknirschend die monatlichen Unterhaltszahlungen des verhassten Systems akzeptieren, als Gegenleistung minderheitenfeindliche Reden schwingen und sich schließlich selbst zerfleischen.
Nomineller Anführer des mecklenburg-vorpommerschen Haufens ist der Kaufmann, Juwelier und Uhrmacher Udo Pastörs, dem die Spitzenkanditatur allerdings nur deshalb angetragen wurde, weil der NPD-Bundesgeschäftsführer und -Landesvorsitzende Stefan Köster aufgrund einer Verurteilung zu 6 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung – Köster hatte sich Ende 2004 dabei abfilmen lassen, wie er auf eine am Boden liegende antifaschistische Demonstrantin eintrat - einen Verzicht für ratsam hielt.
Sein Platzhalter Udo Pastörs, der Hitlers debilen Stellvertreter Rudolf Heß unlängst als vollommenen Idealisten, „vergleichbar (...) mit Gandhi“, bezeichnete, verfolgt offenbar einen eleganteren Plan der Welteroberung. Er hat bei Lübtheen 50 Hektar Land erworben und gedenkt dort treudeutsche Familien anzusiedeln. Als Vorbild dient ihm die 1961 von dem ehemaligen evangelischen Jugendpfleger Paul Schäfer in Chile gegründete auslandsdeutsche Kolonie Colonia Dignidad. Bei zwei Besuchen der sektenartig strukturierten Siedlung gewann Pastörs überaus positive Eindrücke:
Ich habe Menschen stolz und froh gesehen. Ich habe dort viel gelernt, sehr viel. Wie man mit wenig Geld sofort Zivilisation schaffen kann, wenn alle arbeiten.
Dass Pastörs bei seinen Besuchen der Kolonie viel gelernt haben will, kann kaum verwundern, diente sie doch während des Pinochet-Regimes dem chilenischen Geheimdienst als Folterlager. Dumm nur, dass Sektenchef Paul Schäfer inzwischen von der chilenischen Justiz wegen Kindesmissbrauchs in 25 Fällen zu 20 Jahren Haft verurteilt worden ist. Um den Schaden zu begrenzen, schob Pastörs daher schnell noch die Forderung nach der Todesstrafe für Schäfer nach. Der Schweriner Landtag darf sich freuen...

3 Kommentare

  1. Tod Spango am 16.09.06 - 21:10
    (editiert: 16.09.06 - 23:33)
  2. Tod Spango am 18.09.06 - 15:27
    (editiert: 18.09.06 - 17:27)

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