Samstag, 05.08.2006
00:21 » spango in der reha - soziale kernkompetenzen
liebe unverbesserliche mitleser. verabschiedet hat sich der zweite teil der reharückbetrachtung mit der verabschiedung von teilen meines deckhaars.

wie immer shampoonierte ich mehrmals meinen kopf. irgendwie war das die einzige zeit des tages, in der ich zur ruhe kam. wenn man zuvor für annähernd einen monat seine haare nicht waschen darf, ist die wiedergewonnene freiheit der autarken körperhygiene ein nicht zu unterschätzendes merkmal des überlebens.

hier ein kurzer rückblick im rückblick: trotz sehr verlangsamter motorik und der reaktionsschnelligkeit von brigitte mira (jetztzeit) hatte ich mich auf der intensivstation geweigert, mich waschen zu lassen. deshalb mußten die pfleger oder pflegerinnen immer lange an meinem bett im abgedunkelten zimmer verharren. zuschauen wie ich in zeitlupe den schwamm in die lauwarme brühe tunkte und mit umsichtigen, weil kraftlosen bewegungen, die leicht erreichbaren partien meines körpers stadtfein schrubbte. zwischendurch immer das zurückgleiten des schwammes, zwecks verschnaufpause. und so weiter. irgendwann erlaubte ich dann die reinigung meines rückens, da ich diese region mit meinen verschlauchten armen beim besten willen nicht erreichen konnte. es kam der tag als ich mein recht auf eine rasur einforderte. die burschikose krankenschwester d. stellte das equipment vor mir ab. einmalrasierer, rasierschaum usw.. sodann wollte sie loslegen. aber nicht mit spango. wenn die sinne schwinden und sich der tag in portionen aus morphincocktails gliedert will man die wenigen wachen momente mit selbstüberschätzung verbringen. ich verbot d. mich zu rasieren und begann selber die klingen über mein angewuchertes gesicht zu ziehen. ich kam mir durchaus stilsicher vor. wenngleich selbst mir auffiel, dass d. mich sehr skeptisch bei meinem ritual beäugte. nach langer zeit war ich fertig. d. wusch mir mein gesicht ab, weil ich das konditionstechnisch nicht mehr auf die reihe kriegte. dabei schüttelte sie den kopf und murmelte etwas von unverbesserlich und unglaublich stur. auf mich bezog ich das nicht. schließlich war ich stolz, meine wangen entlaubt zu haben. der sieg über die gebrechen in dunklen zeiten. dann nahm d. einen spiegel und hielt ihn vor mein gesicht. die vorfreude mich wiederzuerkennen zu können erlosch vor einer wirklichen einsicht in die neue ansicht. d. fragte nämlich; na, zufrieden? jetzt siehste auch noch ein bisschen nach auffahrunfall aus! etwa ein dutzend mal hatte ich mir die haut tief eingekerbt. der grund lag u.a. in meinem fehlenden schmerzempfinden, das mir über die ständigen sedationsmixturen abhanden gekommen war. interessant: mein kopf fühlte sich immer an, als würde er mit hilfe von vielen gespannten drähten filetiert, aber der rest des körpers war annähernd taub.

als ich später in der reha unter der dusche stand, war das alles abgeheilt. nun fielen eben die haare. dieser verlust versetzte mir einen schlag, der seltsamerweise ungleich schwerer wog als die vorherigen, weitaus schlimmeren erfahrungen. schließlich hatte ich kaum sichtbare blessuren davongetragen (formulierung aus dpa-meldung entliehen). die ops waren von innnen gemacht worden. keine narbe am kopf war sichtbar. allein mein fahles antlitz und der relativ ausgemergelte körper gaben auskunft über die krankheit. die sichtbarwerdung der krise war erst mit der leicht versetzten tonsur erreicht, die mir als unverschämte stigmatisierung vorkam und die ich, wie so einiges anderes, nicht akzeptieren wollte. nun aber musste. im grunde war es eine autoimmunreaktion die oft nach schweren ops oder krankheiten auftritt. und die mir wenigstens mal bewusst machte, was passiert war. mich lange daran erinnerte, wieso ich mich in dieser klinik befand, in der ich mir glauben machen wollte, dass ich nur als beobachter eingeflogen worden war. hatte ich zuvor kaum ein wort mit jemandem gewechselt, wurde nun der pfleger- und ärztestab zu meinem persönlichen krisenstab, der sich gefälligst um mich zu kümmern und mein haupthaar wiederherzustellen hatte. natürlich war da nichts zu machen. wenigstens hatte ich meine kommunikationsfähigkeit in bezug auf die krankheit wiedergewonnen und verwickelte jedermann in lange gespräche über das wesen des kreisrunden haarausfalls und mögliche therapien. und eitel war ich, hatte ich auch fast mal zwischendurch vergessen.

dann ging es zum psychologen. von vorneherein war ich schön auf krawall gebürstet. wusste, dass mit mir im oberstübchen gerade nicht sehr viel los war. und was hatte ich außer meinem oberstübchen? nichts. es funktionierte mein leben lang zwar über umwege, aber immer auf hochtouren. nun war es ein stillegelegtes nebengleis, auf das sich nur aus versehen ab und an ein regionalexpress verirrte und geschockt wieder kehrt machte, als er merkte, dass die komplette signalanlage ausgefallen war. meinen hang zur sturheit und zum zynismus besaß ich aber noch und benutzte ihn wenig elegant, um meine schwäche zu verschleiern. da saß er mir gegenüber. um die fünfzig. schlimme stoffhose mit ausgebeulten taschen, womöglich mit einem dutzend gebrauchten stofftaschentüchern gefüllt, dachte ich noch bei mir. dann diese beschissen verständnisvolle stimme. und der erste dicke fauxpas. wie geht es uns denn heute? schon im krankenhaus hatte ich auf fragen wie etwa: und? hatten wir verdauung? die aussage verweigert. ich konnte und kann mich nicht entsinnen, einen scheiße- und gefühlspakt mit vollidioten eingegangen zu sein. im paktieren war ich zeitlebens immer ganz schlecht. also schwieg ich. schwieg und starrte. der sogenannte psychologe machte sich eine notiz und blätterte in meiner akte. suchte wohl nach einem indiz für meine scheinbare sprachunfähigkeit oder schlicht nach der diagnose patient klinisch tot, dabei aber schlecht gelaunt. irgendwann begann er mit intelligenztestchen. die gingen alle relativ reibungslos über die bühne. allein, weil die meisten anderen insassen, wie gesagt, viel schwerer mitgenommen waren als ich. dann wollte er mit mir das einkaufszettelspiel machen. er las zwanzig produkte vor, die ich dann wiederholen musste. ich erklärte ihm, dass konzentration auf dinge nie eine große stärke von mir war. vor allem nicht auf dinge, die mich nicht interessierten (asymptotenberechnung beispielsweise). er lächelte gnädig und behauptete, dass viele der patienten glauben würden, dass verlorengegangene kognitive fähigkeiten niemals da gewesen wären, diese einstellung aber für eine wiederherstellung derselben kontraproduktiv sei. so fuhr er fort und ich versagte bei dem spiel. ich sagte, sag ich doch. er sagte, sie müssen es sich eingestehen und dass ich doch von glück reden könnte, weil die anderen tests überdurchschnittlich ausgefallen seien. ich wies ihn dann darauf hin, dass nicht ich bereit sei, weiter von einem sozialpädagogen malträtiert zu werden, der sich als psychologe ausgebe. das saß. den habe ich während der weiteren reha nie wieder gesehen, sondern herr dr. k. übernahm die weiteren sitzungen, in denen er sich als perfekter gegenpol zu dem dampflaberer herausstellte.

meine idee zur vorzeitigen flucht wuchs immer mehr, je größer die erkenntnis in mir aufflammte, dass ich wie gehabt alleine und mit meinen methoden wieder in mein dasein zurückkehren musste.

demnächst hier der vierte teil: mit skins aus kleinen eimern milchkaffee trinken.

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