Montag, 31.07.2006
15:01 » spango exaltruist
man weiß es. man fühlt es. man liest es. theoretisch bin ich ein ausgesprochener altruist. innerlich fühle ich mich dem absoluten humanismus verpflichtet wie kein zweiter weit und breit.
während der bisherigen wegstrecke des lebens, die ich inzwischen mühsam hinter mich gebracht habe, hat es sich allerdings als wenig praktikabel erwiesen, alles und jedem mit offenen armen zu begegnen. nun. kennt ja jeder.
ich habe einen beweis für die nichtumsetzbarkeit. vor jahren bin ich bahn gefahren. genauer: ubahn. mit einer schönen alten, bei der man über drei trittstufen wieder ins freie gelangt.
neben mir steht eine zittrige oma am ausgang, die mit ebensolcher stimme fragt, ob ich ihr helfen könne, die drei stufen richtung freiheit zu bewältigen. ich, ganz altruist, stimme ohne zögern zu. ich bemerke zwar den rollator und auch das ausgemergelte aussehen der älteren dame, aber das kann mich ja nur in meinem entschluss festigen. dann öffnet sich die türe. die oma bewegt sich kein stück. ich frage vorsichtig, ob es denn nun losgehen könnte. sie behauptet daraufhin, dass sie bereits dabei sei. und tatsächlich. etwa einen halben millimeter ist die rheumalatsche über den gnoppten straßenbahnboden tremoliert. mir wird klar, dass ich nun handgreiflich werden muss. ich greife mir den rollator und schwinge ihn mit jugendlichem verve auf den bahnsteig, nachdem ich die omma mit ihren händen an dem ausstiegsgeländer festgezurrt hatte. nun muss nur die omma aus dem gefährt. sie ist aber kaum in der lage, sich auf den beinen zu halten. man kann sie nur durch hohen krafteinsatz von der stelle bewegen. sprich: man muss sie hochheben. gar nicht so einfach. wiegt zwar nur um die 40 kilo, aber die angst vor dem absturz verdoppelt das gewicht.
nun ist sie bereits eine stufe heruntergeschwebt als sich die türen schließen. fast. sie schließen sich nicht komplett, weil sie von einer seniorin blockiert werden. die türen öffnen sich wieder. und schließen sich erneut. die omma wächst über sich hinaus. aber nicht körperlich. stimmlich. sie brüllt aufeinmal. pass auf, du arschloch! und ballt die transparente faust bedrohlich. gemeint ist der zugführer. als ansprechpartner wahrgenommen, werde hingegen ich. mitmenschen streifen vorbei und schütteln wortlos ihre häupter. derweil versuche ich die brüllende greisin über die letzten stufen zu hieven, während die türen weiterhin weiterhin ihre osteoporosegeschwächten gliedmaßen zu zermalmen drohen und sie sich nicht mehr hilfreich bewegt, sondern ihre ganze power in die schreitirade fließen lässt.
nun bleiben die ersten stehen und schauen mitleidig die kreischende oma an, wie sie scheinbar von ihrem sadistischen zivi (ist schon eine weile her) ins freie gezwungen wird. wie so oft, greift aber niemand ein. verschränkte arme und maulaffenfeil stehen für die waffen der kämpfer für gerechtigkeit.
irgendwann ist es geschafft. die omma und ich sind dem kreislaufkollaps nahe und ich ziehe von dannen, weil sich direkt echte helfer um sie scharen. allein schon, weil ich nicht mit hilfe von biosalamis gelyncht werden will.

6 Kommentare

  1. Holg am 31.07.06 - 17:55
    (editiert: 01.08.06 - 12:18)
  2. Tod Spango am 01.08.06 - 08:17
    (editiert: 01.08.06 - 10:17)
  3. glamourdick am 01.08.06 - 10:33
    (editiert: 01.08.06 - 12:33)
  4. Tod Spango am 01.08.06 - 14:32
    (editiert: 01.08.06 - 16:32)
  5. glamourdick am 01.08.06 - 20:40
    (editiert: 01.08.06 - 22:40)
  6. DerSven am 02.08.06 - 17:14
    (editiert: 02.08.06 - 19:14)

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