Eine kleine Geschichte vom Nichtverstandenwerden.
So, endlich 30. Und was macht man als männlicher Mitteleuropäer, der diese magische Zahl überschritten hat, deren Mythos immer noch die tatsächliche Irrelevanz ihrer gesellschaftlichen Bedeutung überstrahlt? Klar, man geht zum Urologen. Sich mal ein bisschen untenrum kneten lassen. Von wegen Risikogruppe und Vorsorge und so weiter!
Der letzte Urologe, den ich aufgesucht hatte, war ein netter Kerl. Über die Jahre etwas aus dem Leim gegangen hielt er den Rotzrinnenbusch von Tom Selleck zwar immer noch für hohe Barbierskunst. Aber als Typ war er eine echte Bank. Er lachte gern, tätschelte mir beruhigend die Schulter und war einfach knallig drauf, der kugelige Grauzausel. Was auch daran liegen könnte, dass er am Morgen bereits ein paar Dujardin gekippt hatte. Zumindest roch sein Atem danach. Und nicht nur der. Es war ein warmer Tag. Und die Praxis hatte keine Klimaanlage. Comprende?
Ein weiterer Besuch war also nicht drin. Bin in den Schlaf verfolgte mich das Horrorszenario, dass der geschmeidig gesoffene Kassenpatienten-Abfertiger aufgrund verschobener Größenzuordnungsfähigkeiten den Hodentumor für meinen zweiten Testikel gehalten hatte. Krebstod wegen Quartalssuffs? Nein danke! Joviale Umgangsformen hin oder her!
Von einem Freund ließ ich mich zu einem weiteren Vertreter der Eingeweidenleserei empfehlen. Keine gute Lage. Irgendwo am Bahnhof. Direkt neben Sexshops und Alk-Leichen-Aufbewahrungsstätten mit solch klangvollen Namen wie "Moni's Eck" oder "Jupp's Korner". Immerhin. In dem 60er-Jahre-Klotz sind ausschließlich Ärzte beheimatet. Und lustig scheinen die allesamt zu sein. "Einbruch lohnt nicht! Denn hier ist nichts zu holen!" Der Zettel ist schon älter. Wurde aber schon zweimal mittels Tesafilm neu justiert. Schließlich werden Witze nicht schlechter, nur älter!
Die Praxis, im 4. Stock gelegen, ist ein Palast. Allein im langgezogenen Flur könnten sieben Flüchtlingsfamilien aus Albanien problemlos Unterschlupf finden. Das Interieur erinnert ein bisschen an einen spleenigen Einrichtungs-Shop, dessen Besitzer aus lauter Langeweile drei Jahrzehnte lang die herausstechend schrecklichsten Wohnaccessoires einer jeden Epoche akribisch gesammelt hat. Original Blindheitspatina an den Chromlehnen der sorgsam aufgereihten Polstergarnitur in stilsicherem Mittelstrahlocker. Da weiß man gleich, was einem noch blüht.
Ich lasse mich im Carmen-Thomas-Gedächtnis-Bezug nieder. Vor mir steht ein Mann mittleren Alters. Also mindestens 10 Jahre älter als ich. Schwarzes Bürstenhaar und ein dunkler Teint lassen auf einen integrationswilligen Hintergrund schließen. Er hat mir seinen Rücken zugekehrt, denn er versucht verzweifelt zu verstehen, was ihm die bislang geduldige Sprechstundenhilfe versucht, mitzuteilen.
"Sie dürfen die nächsten vier Tage keinen Samenerguss haben! Überhaupt sollten Sie auf Sex verzichten. Wenn Sie dann am Freitagmorgen aufstehen, nehmen Sie diesen Behälter und füllen ihn mit ihrem Ejakulat. Das Ejakulat darf nicht älter als eine Stunde sein, wenn es bei uns in der Praxis ankommt. Schaffen Sie das? Ich meine: Schaffen Sie es innerhalb einer Stunde von sich zuhause zu uns?"
Der Mann nickt. Das kann ich an den sich rollenden Hautfalten in seinem ausrasierten Nacken erkennen. Ich sehe allerdings nicht seinen Gesichtsausdruck. Die Sprechstundenhilfe dafür wohl umso deutlicher!
"Sie haben das nicht verstanden, oder?"
Wieder Nicken. Soll wohl heißen: Nein, ich habe nichts verstanden! Mit stoischer Gelassenheit beginnt die junge Vorzimmerhalbgöttin den erniedrigenden Monolog zu wiederholen. Sie wird ein bisschen lauter und ihr Sprachfluss klingt abgehackter. Aber sie bleibt immer noch freundlich. Keine Anzeichen, die Geduld zu verlieren. Respekt! Nur ist die Mühe leider umsonst. Denn der freundliche Rollnacken scheint immer noch nicht verstanden zu haben, dass zwischen dem handmade fun und seiner Praxiswiederkehr nur eine Stunde vergehen darf. Maximal! Harte Sitten. Ich male mir gedanklich aus, wie das wohl ist, wenn man ein Alter erreicht hat, in dem nicht der Sexualpartner, sondern der Urologe Häufigkeit und Begleitumstände meiner Orgasmen kontrolliert. Ein Schauder! Der Schleier fällt. Dem Kommuinkationsmisstand hat sich ein weiterer ausländischer Mitbürger hinzugesellt, der die Sprache von Rollnacken zu sprechen scheint. Kittel-Uschi legt sich noch mal ins Zeug. Diesmal mit Simultanübersetzung.
"Nicht länger als eine Stunde! Nicht länger...eine Stunde! Schaffen Sie das?"
Warum spricht die eigentlich jetzt lauter als vorher? Und vor allem akzentuierter? Liegt doch nicht mehr an ihr, wenn die Bedeutung ihres Vortrags nicht ankommt. Doch trotz Sprachdechiffrierung will sich dem Gepeinigten der Sinn immer noch nicht ganz erschließen. Mit italienischer Trotzgebärde lässt er einen leicht aggressiven Wortschwall über den sprachgewandten Menschenfreund herniederprasseln. Der muss kurz lachen, zwinkert der Sprechstundenhilfe zu und antwortet in ähnlich schneidendem Tonfall. Jetzt muss Rollnacken lachen. Es ist nicht herzlich. Eher erstickt. Als würden sich ihm Peinlichkeit und Lächerlichkeit des Moments gleichzeitig erschließen. Seine Kommuikationsstütze lacht immer noch leicht überheblich. Wahrscheinlich hatte Rollnacken zuerst verstanden, er dürfe nicht länger als eine Stunde an sich herummanipulieren. Oder müsse eine Stunde lang ejakulieren. Da wäre ich auch verblüfft, wenn man das von mir verlangen würde.
"Hat er das jetzt verstanden?"
Der Kulturenmittler nickt. Rollnacken lässt den Plastik-Behälter nervös zwischen seinen Fingerkuppen kreisen, als wolle er ihn auf der Stelle füllen.
"Und? Schafft er das nun?"
"Ich glaube nicht. Er wohnt in Flehe."
Kurz ist die Sprechse genernt. Doch nur eine Zehntelsekunde später wirkt sie wieder freundlich.
"Dann machen Sie das am Freitag hier bei uns in der Praxis. Bringen Sie dazu bitte den Becher mit!"
Wieso kann er den denn nicht einfach hier lassen? Soll er ihn sich zuhause auf die Anrichte stellen? In stiller Vorfreude auf das, was ihn am Freitag hier in diesen Räumen erwartet? Oder als mahnendes Menetekel, das ihm den Spaß verderben soll - so sich seine Frau ihm nähern würde?
Die erniedrigende Prozedur findet ihr Ende. Rollnacken verlässt die Praxis. Der nächste Patient wird aufgerufen, irgendwo in den unendlichen Weiten des Raums. Aus dem Zimmer hinten rechts kommt ein Stöhnen. Wohl noch so einer aus Flehe!

(editiert: 18.07.06 - 16:45)
(editiert: 18.07.06 - 18:08)
(editiert: 18.07.06 - 18:42)
(editiert: 18.07.06 - 19:21)
(editiert: 19.07.06 - 09:20)
(editiert: 19.07.06 - 11:28)