Nach dem Rücktritt des polnischen Ministerpräsidenten Kazimierz Marcinkiewicz hat Präsident Lech Kaczynski den erwarteten Nachfolger ernannt: seinen Zwillingsbruder Jaroslaw.
Das knappe Dreivierteljahr an der Staatsspitze muss Lech sehr einsam vorgekommen sein, denn schließlich pflegen er und Jaroslaw die Karriereleiter seit jeher im Gleichschritt zu erklimmen.
So traten sie 1962 als Jacek and Placek in dem polnischen Kinderfilm Über zwei, die den Mond gestohlen haben auf.
Bei dem Mond sollte es nicht bleiben, allerdings wurden die Mittel im Vergleich zu ihrem Filmabenteuer verfeinert. So studierten die Kaczynskis Jura.
Politisch begannen sie sich an der Seite Lech Wałęsas für die unabhängige Gewerkschaftsbewegung Solidarność zu engagieren. Dieser Einsatz brachte Lech Kaczynski nach Verhängung des Kriegsrechtes einen Gefängnisaufenthalt ein, sein Bruder entging der Verhaftung nur, weil der Polizeiapparat die Existenz eines weiteren renitenten Kaczynskis mit identischem Geburtsdatum und -ort für einen Irrtum hielt. Nach der Wende zerstritten sich die Zwillinge, die sich optisch nur durch ein Muttermal an der Nase (Lech) und eine schiefe Locke (Jaroslaw) unterscheiden sollen, mit Walesa, was das vorläufige Ende ihrer politischen Laufbahn bedeutete.
Umso fulminanter ihr Comeback: nach einem Intermezzo als Justizminister unter dem erfolglosen Ministerpräsidenten Jerzy Buzek gründete Lech 2001 zusammen mit Jaroslaw die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (polnisch "Prawo i Sprawiedliwość"; kurz PiS), der er als homophober, die Wiedereinführung der Todesstrafe verfechtender Stadtpräsident Warschaus breite Wählerschichten erschloss.
Am 25. September 2005 ging die PiS mit knappem Vorsprung vor der liberalkonservativen Bürgerplattform (PO) aus den Parlamentswahlen als stärkste Kraft hervor und zimmerte eine aparte Regierungskoalition mit der radikalen Bauernpartei Samoobrona und der nationalistischen Liga Polnischer Familien. Jaroslaw verzichtete auf den Posten des Ministerpräsidenten, um die Chancen seines Bruders in den kurz darauf anstehenden Präsidentschaftswahlen nicht zu schmälern. Die Rechnung ging auf, Lech Kaczynski setzte sich in einer Stichwahl gegen den PO-Kandidaten Donald Tusk durch.
Nach einer Anstandsfrist von knapp neun Monaten hielt Jaroslaw offenbar nun die Zeit für reif, die polnische Staatsspitze vollends in Kaczynski-Besitz übergehen zu lassen.
An Selbstbewusstsein mangelt es ihm jedenfalls nicht. Noch nicht durch das polnische Parlament im Amt bestätigt, drohte er umgehend der bundesdeutschen Regierung mit diplomatischen Verwicklungen. Den Anlass hierfür bildet ein "taz"-Artikel, in dem Lech als "Polens neue Kartoffel" bezeichnet wird.
"Die Beleidigung eines Staatsoberhauptes ist ein Verbrechen und muss Konsequenzen haben", forderte als Reaktion hierauf der erzürnte Jaroslaw in der Wochenzeitung "Wprost".
Ein klein wenig mag er sich auch deshalb über den satirischen Beitrag geärgert haben, weil in ihm zart angedeutet wird, die Homophobie der Kaczynskis könne in seinem Fall besonders heuchlerisch sein...
Wie auch immer, das letzte Wort scheint in diesem Streit noch nicht gesprochen. Titanic, übernehmen Sie!

(editiert: 11.07.06 - 12:25)
(editiert: 12.07.06 - 15:00)