Donnerstag, 29.06.2006
00:08 » spango in der reha - haariger wendepunkt
der letzte satz des ersten teils zeigt wie gut es bis heute um meine sprachsicherheit bestellt ist...seis drum. nüchtern schreib es sich zumindest nicht leichter...

das einzige, was mich ein wenig die zeit in der klinik ertragen ließ waren die besuche. die waren die highlights, weil sie fluchtmöglichkeiten darstellten. denn das war der alltag: gegen sieben stand ich auf. und duschte. etwa eine halbe stunde. die dusche war riesig. die hat mir gefallen, nebenbei konnte ich so spät zum frühstück gehen. da waren die laberköppe längst weg und kasperten woanders durch die gegend. nicht, dass diese menschen mitunter ein sehr viel schlimmeres schicksal als ich hatten. trotzdem ist es bemerkenswert, dass idioten idioten bleiben. während ich quasi im stromsparmodus lief, waren viele daran sichtlich gewöhnt. beispielsweise erklärte mir h. wie man sich verhalten musste, um einen urlaubsgleichen aufenthalt zu erleben. erstens musste man zu den mahlzeiten besonders früh kommen; dann ist das essen noch gut. galt im besonderen für büffets. ja, dachte ich, scheint wichtig zu sein: man erinnert sich nicht mehr an den vornamen seiner frau und die rechte körperhälfte hat den geist aufgegeben, aber die chicken wings müssen rein.
zweitens sollte man sich vor diesen neumodischen therapien fernhalten. kunsttherapie und sprachtraining sind nämlich was für mädchen. kannst mich gerne ursula nennen, sagte ich. h. senkte den kopf und strengte sich an, das bonmot zu entschlüsseln, und zeigte mir frontal seinen teilkahlrasierten schädel, der mehrfach von frischen rosafarbenen furchen unterteilt war. allesamt ziemlich gerade. nordafrika in etwa. er hatte einen arbeitsunfall der ihm fast die gesamte schädeldecke weggefetzt hatte. letztlich war er unerträglich.

ergo sprach ich mit fast niemandem. mit dr. b. musste ich reden. der hat jeden morgen gegen elf uhr meine schläfen mit einer art ultraschallgerät abgehört. die blutzirkulation im hirn konnte dadurch dargestellt werden. so konnte man in etwa klären, wieviel blut gegen die abgedichtete stelle prescht und eventuell einen erneuten dammbruch auslöst. dr. b. sagte immer zu der schwester: der nette junge mann (spango) braucht dann wie gehabt einen termin für den nächsten morgen. außerdem konnte er nicht umhin, mich ständig auf meine unverfrorenheit hinzuweisen, die ich jahre zuvor mit der absetzung der betablocker begangen hatte. erektion hier, probleme da. ich antwortete kein einziges mal. danach folgte sein aufruf an den netten jungen mann (spango), sport zu treiben. ausreden gibt es da nicht, weil dr. b. selbst nach einer doppelschicht genug zeit fand, sich auf seinem hometrainer ein paar minütchen zu verlustieren.

sport machte ich auch. als ich das erste mal (tag zwei) badminton spielte, legte ich mich aufs maul. und verstauchte meinen arm. der grund war nicht mangelnde motorik. die war schon sehr bedenklich. ausschlaggebend war meine lichtüberempfindlichkeit. ich hatte auf der intensivstation komplett verdunkelt gelegen. jeder noch so fitzelige sonnenstrahl bohrte sich durch meinen schädel und nahm bei jedem steifzug ein bisschen leben mit. das war zwar sehr viel besser geworden. da ich aber, wie bereits erwähnt, nicht bereit war, kleinbei zu geben bzw der realität ins auge (reschpekt!) zu sehen, führte die einströmende helligkeit der oberlichter zu einer wunderbaren verrenkung mit dem schläger, der ins leere knallte und den restspango auf die bretter beförderte.

wenigstens konnte ich alleine schwimmen gehen. die weiterreichungspolitik der krankenhäuser hatte in den vergangenen jahren dazu geführt, dass die patienten fast alle noch bettlägrig waren, wenn sie in die klinik kamen. da diese nach den alten standards gebaut worden war besaß sie viele sauteure einrichtungen, die kaum noch benutzt wurden. nur manchmal spielten ein paar andere insassen wassertreten in einer art babybecken.

ich hatte natürlich aufgehört zu rauchen. ich verbrauchte fünfzig kaugummis und gewaltmarschierte zweimal täglich ins nächste dorf, um beim bäcker mehrere teilchen zu verputzen. die landschaft war schön und mir scheißegal. über einen leichten anstieg kam man von dem dorf zurück zur klinik. sie war durchaus nett von wiesen und wald eingerahmt. ist ja oft so: außen hui - innen fui.

meine erste größere, aus freunde zusammengesetzte besuchergruppe brachte mir mehrere eindrücke: einen iq-test und vorsichtig herantastende mimik. als wäre ich frisch aus dem mutterleib entfleucht, wurde ich - ungelenk unauffällig - abgecheckt. so wie ein reimport aus der betageuze. der grund: jemand hatte etwas falsch verstanden. aus der information: zwanzig prozent sterben auf dem weg ins krankenhaus wurde: der spango hat nur noch zwanzig prozent seiner geistigen kapazitäten. ich gebe immer gerne etwas ab. nur auch hier ist irgendwann schluss, altruismus immer, imbezillität niemals. als das aufgeklärt war wurde viel gelacht. und wir fuhren in ein café in die nächste stadt. da war mir viel wohler. ich war so entspannt, dass ich allen meine intimrasur sehr offensiv aufdrängte. guck ma! is alles fott! für de op! toll nich? ich hatte ja nicht viel mit dem ich noch wuchern konnte. falsche rücksicht ist in solchen situationen das allerletzte. wenn aber vier starke raucher zwei stunden lang ihre sucht beim kaffeetrinken (!) unterdrücken, nötigt mir das respekt ab. das rauchen wurde von mir erlaubt, nachdem ich die kollektive selbstkasteiung bemerkt hatte.

der dritte tag begann mit dem duschritual. mehrmals wässerte ich mein volles deckhaar. das plötzlich büschelweise auf den boden fiel.

6 Kommentare

  1. Genosse am 29.06.06 - 07:22
    (editiert: 29.06.06 - 09:22)
  2. glamourdick am 29.06.06 - 08:12
    (editiert: 29.06.06 - 10:12)
  3. Dr. B am 29.06.06 - 09:05
    (editiert: 29.06.06 - 11:05)
  4. Tod Spango am 29.06.06 - 11:49
    (editiert: 29.06.06 - 13:49)
  5. diemama am 30.06.06 - 15:30
    (editiert: 30.06.06 - 17:30)
  6. Alexandra am 04.07.06 - 10:18
    (editiert: 04.07.06 - 12:18)

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