dies ist keine schöne geschichte. viele ungereimtheiten. noch mehr wirre stationen. aber nichts schönes. vielleicht der erste teil. vielleicht auch der letzte.
zunächst wurde ich vom krankenhaus direkt in die reha verschleppt. die krankenkasse dachte sich: den jungen mann schicken wir mit einem taxi. der ist fit. vorher dachten sie: der braucht gar keine reha. der ist fit. und kostet nur geld. da hat der oberarzt ihnen erklärt: wenn der nicht in die reha kommt wird der unbezahlbar. da hatten die ein einsehen und schickten mich in die verbannung. wie gesagt, mit einem taxi. ich sah ein wenig blass aus. und ein wenig dürr. eigentlich wie ein anorektischer schlafverweigerer. da denkt man sich zunächst nicht viel. außerdem sprach ich normal schnell. früher dreimal so schnell. dann normal schnell. dreimal so langsam. für spangoseineverhältnisse also koma. wenn man nun spango nicht kannte war das alles wenig bemerkenswert.
so fragte auch die beherzte taxifahrerin: was? das hatten sie? merkt man gar nicht..., ich dachte mir - bzw stutzte und versuchte ein paar intakte synapsen zu aktivieren - halt die schnauze und fahr!. sie fuhr und wies mich darauf hin wie toll ihr navigationssystem sei. prompt verabschiedete sich das gerät nach einer halben stunde. wir waren in der einöde gefangen und meine kräfte schwanden. keine schöne sache, wenn man keine kräfte mehr besitzt.
nach langem herumkramen fand sie dann eine schnöde papierene landkarte. eineinhalb stunden später war ich am ort des schreckens angelangt: hattingen; rehaklinik für neurochirurgische rehabilitation. sprich: die hölle. ich packte mit letzter kraft meinen koffer in die klinik und wurde vorstellig. legte fein meine papiere auf den tresen. nach einem guten tag ohne blickkontakt und prüfung der papiere, fragte die aufnahmedame: ist der patient ansprechbar? und ich, nicht auf den mund gefallen, erwiderte: glaub schon..., darauf die dame: wie jetzt? das sollten sie schon wissen!. habe dann prägnant erklärt: patient - c´est moi. da war mir schon klar: hier bin ich falsch. und tatsache, der eingangsbereich war gleichzeitig das café der klinik. überall waren menschen, denen schläuche aus den köpfen ragten. die fitten hatten einen rollator. die härtefalle lagen regungslos sabbernd in ihren betten. ein ort der erholung.
ich ging auf mein zimmer. die pflegerin maria (also fast heillose euphorie - marie) wies mich ein. sie stellte mir eine kaum essbare mahlzeit aus möhrchen und undefinierbaren fleischklumpen vor. diese aß ich. weil ich um mein erscheinungsbild äußerst besorgt war. ich bin mitunter ein pingel. konnte mir lukullische kapriolen aber an diesem ort nicht leisten. denn obwohl ich iq - und wahrnehmungstechnisch wieder auf grundschulniveau zurückgefallen war, war es mir nicht entgangen, dass meine familie und freunde auf meine erscheinung mit purem erschrecken reagierten.
interessant, weil ich kam mir äußerlich immer noch äußerst schmackhaft vor. dem war nicht so. die dunklen ringe und die biafraärmchen- und beinchen waren objektiv nicht zu verleugnen. ich aß also alles, was mir in die quere kam. auch heute beklage ich mich fast stündlich über meine wampe, trotzdem bin ich mir über eines im klaren: nie wieder zu dünn zu sein. wenn man eine treppe hochsteigt und nach zwei stufen muskelkater hat, weil man nur noch die muskelmasse einer rippenqualle sein eigen nennt, lernt man angemessene körpermasse zu schätzen.
ich aß den fraß. sah mich um und dann schlief ich. das immer widerwillig. weil einsehen kann ich nichts, das mir nicht passt. schön bescheuert. schließlich zwang mich seinerzeit bereits ein klogang dazu, eine angemessene zeitspanne inne zu halten, um mich wieder hochzurappeln - was gleichbedeutend mit aufstehen und die nasszelle verlassen war. ich schlief. dann erwachte ich. auf dem nebenbett saß g.. er starrte auf die wand. dachte ich. doch der fernseher war eingeschaltet. zwar ohne ton. aber er feuerte irgendeine talkshow in die welt. wow - sehr aufmerksam, den ton auszuschalten, wenn ich ein nickerchen mache.
g. hatte zwei etwa zwanzig zentimeter lange narben auf seinem kopf. sie verliefen von seinen schläfen bis kurz vor seinen nacken. er war drei jahre jünger als ich. und ich habe ihn nie gefragt, warum er in der klinik war. er sprach sehr verlangsamt. und redete immer davon, bald nach hause zu gehen. mir wurde schnell klar, dass das nie passieren würde. denn er schaltete nicht nur den fernseher tonlos, er schaute auch nie auf das gerät, sondern in der tat auf die wand. er war nicht in der lage den bildern zu folgen, sondern ließ sich lediglich aus den augenwinkeln berieseln. er wurde nach eineinhalb wochen in ein wohnheim gebracht. und nach seinem leiden habe ich nicht gefragt, weil er dieses thema nicht nur aussparte, sondern nicht die fähigkeit besaß, seinen zustand zu erfassen.
später am ersten tag, kam dr. b., mein behandelnder arzt, ins zimmer und checkte mich durch. er war ein jahr älter als ich und relativ beknackt. er fragte, warum ich denn meine betablocker gegen den blutdruck abgesetzt hatte. ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich ständig totmüde war. darauf er: nur, weil man erektionsschwierigkeiten bekommt, macht man so etwas nicht! nun, im normalfall hätte ich dem was erzählt. aber in diesem spezialfall guckte ich ihn nur verständnislos an. er nickte nur neckig und checkte weiter.
dann habe ich wieder geschlafen. als ich aufwachte war schon zeit für das abendessen. obwohl ich eigentlich keine weiteren menschen mit kopfschläuchen sehen wollte, ging ich in den essenssaal. an meinem tisch war unter anderem frau j.. sie war etwa siebzig und hatte gerade ihren sechsten schlaganfall hinter sich. sie konnte kaum ihre gabel halten und war nur im stande breiige nahrung zu sich zu nehmen. sie war tiptop gestylt. sah aus, wie elizabeth taylor bei ihrem hundertfünfzigsten aufenthalt in der betty-ford-klinik. neben ihr saß ihr mann. er fuhr jeden tag vierhundert kilometer, um bei ihr zu sein. zweihundert hin, zweihundert zurück. sie schienen glücklich. ich hingegen weigerte mich, mit jemandem zu sprechen. nur mit frau j. parlierte ich ein wenig. wir lästerten über den schrecklichen service, der jeder jugendherberge in polen spottete. ich konnte sie zwar kaum verstehen. aber ihr mann übersetzte. und ihr lachen baute mich ein wenig auf.
nach dem essen ging ich raus in den angrenzenden wald und machte einen gewaltmarsch. hoffte, dass mich die müdigkeit überkam und vergessen ließe, dass ich keine bücher lesen konnte.

(editiert: 27.06.06 - 11:29)
(editiert: 27.06.06 - 20:58)