Samstag, 17.06.2006
16:12 » guess what!?
Es gibt Menschen, die kann man auf Anhieb nicht leiden. Manche sagen: kann sie nicht riechen. Stimmt so nicht, wusste Norbert. Norbert besaß und besitzt einen ausgezeichneten Geruchssinn. Noch nie war dieser allein Ausgangspunkt einer ganzheitlichen Ablehnung. Irritation vielleicht. Aber da muss noch mehr zusammen kommen. Sehr sensibel nimmt er alles auf. Die kleinen Partikel, die soviel verraten, ohne sich zu zeigen. Wieder so ein unterschätztes Detail des Lebens. Man kann – wenn man viel Glück hat – mitunter Menschen treffen, die den Frühling oder etwas ähnlich Aufdringliches glauben zu riechen. Aber Details erklären sich erst und allein im Kontext. Daran sieht man wie abgestumpft die Welt ist. Norbert nahm alles sehr ernst. Alle seine Sinne nutzte und nutzt er, um sich zu vergewissern, dass um ihn herum alles passt. Bewusst sein. Auch eines seiner Motti.

Zwar sah er auf die lange vermisste Sache, hatte jedoch flugs ihren Geruch im Sinn. Nicht den, den sie absondert, sondern den Kontext, den Geruchskanon des Objekts. Wieder ein Schmerz. Diesmal von ganz Innen. Nicht körperlich. Er wollte es nicht einsehen, aber er kam aus dem von ihm eingezäunten Bereich. Er stahl sich nicht nur aus der Verdrängung, sondern bäumte sich auf und besetzte seine Sinne. Sehr kurz, sehr heftig. Er wünschte sich den Wirbelschmerz zurück.

Es lag wohl damit zusammen, dass so viele alte Sinneswahrnehmungen über ihn hereinbrachen. Der Duft nach Kuchen. Eine Böe, die sein Hemd durchfährt. Das Quietschen des Rades des kupfernen Teewagens, der immer auf der Veranda stand. Das laute Schmatzen seines Onkels. Die Wärme der Tasse in seiner Hand. Das permanente Pochen in seiner Schläfe, wenn er sich zu sehr auf ein Gespräch konzentrierte. Das Geräusch, mit dem die Gabeln den Boden des Kuchenstücks durchtrennten. Das Gefühl von frischer Schlagsahne in seinem Mund. Die Rute des Hundes, die an sein Knie schlug. Das genüssliche Zerkauen der Früchte und des Hefeteigs. Das Schlucken. Und der Stich der Wespe, die sich in seinen Gaumen geschmuggelt hatte, um das Stück Pflaumenkuchen zu erbeuten.

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