Donnerstag, 15.06.2006
15:07 » Polyesterporen
Die Stapel streckten sich bis an die Decke. Bei einem Altbau wie Norberts also bis auf eine Höhe von drei Metern und siebenundsechzig Zentimetern. Zwischen die einzelnen Stapel waren Verstrebungen aus Plexiglas eingefügt, die die vergilbten Zeitungstürme separierten. Die Jahrgänge 64 bis Dezember 1972 waren so gut wie erledigt. Erkannte man daran, dass sie komplett von Folie umschlossen waren. So verhinderte man, dass sie aus der Form gingen, oder gar sich durch Feuchtigkeit zersetzen.

Das konnte sich Norbert nicht leisten. Die Maschinen kontrollierten die Feuchtigkeit. Verschafften als netten Nebeneffekt ein angenehmes Surren, das ihn beruhigte. Außerdem waren sie wartungsfrei, konnten einfach so integriert werden, ohne dass er ihnen mit ständigem Misstrauen begegnen musste. Die Schutzbedürftigkeit von Papiererzeugnissen kann man kaum überbewerten. Alle Arten von Sporen warten nur auf ihre Möglichkeit zur Attacke. Lauern auf das falsche Lüften. Stieren auf klimatische Schwankungen, um diese zu nutzen und Norbert das Leben schwer zu machen. Diese permanent entfesselte Umwelt. Man konnte sie nicht ganz draußen lassen. Teile von ihr drangen stets durch.

Er stand zufrieden vor der imposanten Wand aus Druckerzeugnissen und sehnte sich danach, eins von ihnen zu nehmen und die in ihm fest gehaltenen Informationen zu erhaschen. Das war selbstredend nicht möglich. Wer weiß, was alles passieren kann, wenn man derart die Contenance verliert und im Affekt alles auf eine Karte setzt. Die Konsequenzen sind in ihrer Fülle doch gar nicht erfassbar. Allein die papierenen Türme sein Eigen nennen zu können. Sie erschaffen zu haben und weiter hingebungsvoll zu pflegen. Das ist genug. Mehr braucht es nicht, um glücklich zu sein. Warum durch einen gedankenlosen, letztlich durch einen verhängnisvollen Impuls alles zerstören?
Wenn man Norbert sah, konnte man durchaus an seinem Lebenswandel zweifeln. Er bückte sich vor den Druckerzeugnissen und schnaubte ganz beachtlich. Man konnte ebenso ein leises Knacken hören. Norbert verharrte kurz. Es war der dritte Lendenwirbel. Er machte oft Schwierigkeiten. Mit einem beherzten Aufbäumen klinkte er schmerzvoll wieder zurück in seine Mulde. Die Wirbel und ihre Knorpel waren ziemlich ausgeleiert. Der Körper, eine nicht auf die Ewigkeit eingerichtetes Instrument. Soll einen das ganze Leben begleiten und macht stets Mucken. Eine falsche Bewegung und peng! man sah aus wie eine Chimäre aus einer Lovecraft Geschichte. Oder wie eine dieser Gestalten aus Mangas, die in postatomaren Zeitaltern spielen. Doch beides nur Kunstprodukte, Resultate vermeintlich kreativer Geister, die immerzu übertreiben. Der Horror liegt überall griffbereit.
Jede Fuge einer Mauer beherbergt Schicksal. Norbert taumelte gedanklich zurück. Soviel Melodramatik lag nicht in seiner Natur. Lag wohl mit dem Ausstoß von Botenstoffen zusammen, die sein Gebrechen zwangsläufig begleiteten.

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