Samstag, 10.06.2006
15:52 » DIE WASCHUNG - INSPEKTION
Es gibt nichts Wichtigeres als Sauberkeit. Deshalb war das Spülbecken frei geblieben. Das kleinste der Wohnung. Aber immerhin. Frei bleiben, Freiheit erstreiten, Prioritäten setzen, gegen den primären Willen. Sich nicht geschlagen geben. Dem Chaos Einhalt gebieten.
Das Becken war ein Fixpunkt seiner Unabhängigkeit. Er verspürte den, Drang es zu liebkosen, ihm seine Dankbarkeit zuteil werden zu lassen. Er machte sich zwar nicht viel aus seinem Körper, verstand aber, dass er soweit in Schuss bleiben musste, um als Werkzeug Bestand zu haben. Er zog seine braune Schürze aus. Hängte sie vorsichtig auf einen Haken. Es fiel ihm schwer, sie zu arretieren ohne dass die zahlreichen Stofftaschen unter ihr nachgaben. Doch es gelang. Er konnte die Schürze nicht dem Boden preisgeben. Was, wenn sich ein Gegenstand aus den Taschen löste? Was, wenn er sich in ein falsches Bodenfach schmuggelte? Was, wenn er ihm durch die Lappen ging? Stoppe diese Gedanken. Bleibe ruhig. Lass sie nicht von deiner Energie lebensnotwendige Ressourcen abzapfen. Es war gelungen. Punkt. Er konnte zufrieden sein. Die Taschen hingen noch. Waren nicht verdächtig geschwungen. Die Schürze mit ihren noch nicht katalogisierten, doch zweifelsfrei wertvollen Gütern hatte ebenfalls einen angemessenen Halt.
Er stand nackt vor dem Becken und sah an sich herunter. Spiegel besaß er keine mehr. So wichtig war er nicht. Wie gesagt. Keine Irritation durch falsche Eitelkeit. Konzentration, darum ging es. Sein Bauch war verschwunden. Früher hatte er ihn gestört. Er hatte gegen ihn angekämpft. Mit fairen und unfairen Mitteln. Nichts hatte gefruchtet. Jetzt, wo er aus seinem Spektrum verschwunden war, hatte er sich von selbst zurückgezogen. Nicht Ignoranz, nicht Disziplin, durch Werteverschiebung erreichte Gleichgültigkeit hatte den Ausschlag gegeben. Dort, wo sich der Bauch einstmals wölbte vergrub sich ein blasser Hautlappen. Auch wenn er tief einatmete blieb seine Silhouette konkav. Ein Ziel, das er früher um jeden Preis erreichen wollte. Er hatte es erreicht, indem er es ersetzte. Würde es immer so sein? Könnte eine erneute Umkehr passieren und ihn zufrieden stellen? Daran war gar nicht zu denken. Unvorstellbares Hirngespinst. Er ließ den Waschlappen zwischen seinen Händen rotieren und mit Wasser benetzen. Die kalte Flüssigkeit tat gut. Er spürte Kontakt mit seinem Körper. Er wusch sich. Seine Brust, das Bauchloch, sein zugewuchertes Gesicht, die knorrigen Beine und den sehnigen Hals. Seife benutzte er nicht mehr. Allein kaltes Wasser. Ausreichend. Mehr als genug. Der menschliche Körper reguliert sich selbst. Braucht weitaus weniger Zuwendung als gemeinhin angenommen. Die schmerzenden Stellen an seiner rechten Kniekehle nahm er ebenso wenig wahr wie sein zuckendes Augenlid, das keine Helligkeit vertragen konnte.
Berechenbare Ausfälle. Hinnehmbare Zipperlein. Nach drei Minuten und fünfzehn Sekunden war alles erledigt. Ein Wert im Mittelfeld. Nicht großartig, nicht besorgniserregend. Er stellte die Stoppuhr zurück. Eine kurze Notiz, um die Zeit nicht zu verlieren. Die Schürze von den Stofftaschen gepellt. Ans Werk.

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