Dienstag, 30.05.2006
03:50 » Geschichten aus 1001 Macht
„Die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde.“ Getreu diesem Motto hat sich eine extrem unappetitliche Allianz zwischen deutschen Neonazis und iranischen Theokraten gebildet, geeint durch den gemeinsamen Hass auf den als Trutzburg der >>jüdisch-zionistischen Weltverschwörung<< begriffenen Staat Israel.
Als Everynazis Darling darf sich momentan insbesondere Irans Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad fühlen. Ist aber auch ein Mordskerl der Gute:
in eine nicht arme, aber eher schlichte, ungebildete Familie hineingeboren, im Gegensatz zum braunen Gottvater an einer Hochschule angenommen, wenngleich nicht für Hitlers Traumstudiengänge Kunst oder Architektur, sondern als Student des Bauingenieurwesens, Promotion über das Thema „Transportwesen und Verkehrstransportplanung“, was einige Jahrzehnte zuvor in Deutschland eine steile Karriere im Reichssicherheitshauptamt ermöglicht hätte, womöglich beteiligt an der Besetzung der US-amerikanischen Botschaft in Teheran 1979/1980, freiwilliger Beitritt zu einer militärischen Elitetruppe während des Iran-Irak-Krieges, zu dieser Zeit offenbar Erfahrungen als Verhör- und Folterspezialist, nach Kriegsende eine politische Karriere als Provinzgouverneur und Bürgermeister, in Teheran geprägt etwa durch das weitsichtige Verbot von David Beckham-Postern, ebenso aber durch populäre Maßnahmen sozialer Natur, im Jahre 2005 schließlich siegreicher Kandidat der neunten iranischen Präsidentschaftswahlen.
Während seine deutschen Fans ihr mörderisches Handwerk überwiegend immer noch mit Fäusten, Stiefeln, Messern und Baseballschlägern verrichten müssen, kokettiert Ahmadinedschad längst mit der seit Saddams Sturz neu zu vergebenden Weltbrandstifterrolle. Einer derart glaubwürdigen Friedenstaube können natürlich die braunen Herrenmännchen ihre Unterstützung nicht versagen und kündigen für die Termine der drei WM-Vorrundenspiele mit iranischer Beteiligung in jeweiliger Stadionnähe Solidaritäts-Demonstrationen an.
Dieselben Haufen, die sonst Woche für Woche >>Deutschland den Deutschen<< grölend in hiesigen Städten und Dörfern gegen Moscheebaupläne zu Felde ziehen, urplötzlich internationalistisch und multikulturell eingestellt?! Nun ja, wohl keine totalitäre Ideologie zeichnet sich durch inhärente Logik aus.
Auch der Staatsislamismus iranischer Prägung ist hiervon nicht ausgenommen, wie Ahmadinedschads diese Woche im SPIEGEL veröffentlichtes Interview belegt. Die Argumentation sprachlich und inhaltlich auf Horst Mahler-Niveau. Der Palästina-Konflikt natürlich vor dem Hintergrund des Holocaust zu sehen, dessen historische Verifizierung noch ausstehe. Habe er nicht stattgefunden, sei die israelische Bevölkerung in ihre europäischen Herkunftsländer zurückzubefördern, wenn doch - dann auch.
Na bitte, so rasch und komplikationslos pflegen große Staatsmänner weltpolitische Fragen zu lösen. En passant noch eine Lektion in Sachen Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit. Es könne nicht angehen, dass nur eine Richtung der Holocaust-Forschung erlaubt sei und Zweifel anzumelden als kriminelles Delikt geahndet werde. Jawohl, „diejenigen, die Holocaust-Forscher einsperren, sind für Krieg und gegen Frieden. Unser Standpunkt ist demokratisch und friedlich.“
Wow, der Iran als Hort des Liberalismus? Dies nun eher wieder nicht, wie der Präsident wenig später eloquent ausführt. Das liberale Denken westlicher Prägung kranke daran, dass „ein Phänomen abhängig ist von der Meinung vieler Einzelner, die das Phänomen beliebig deuten dürfen.“ So aber ließen sich „Weltprobleme nicht lösen.“
Allah bewahre, ansonsten wären die weltlichen Machtbefugnisse des die iranische Gesellschaft kontrollierenden schiitischen Klerus ja überflüssig und rubbeldiekatz – herrschten israelische Verhältnisse. Erst vor einigen Wochen zeigte sich wieder die Perfidie der >>zionistischen Weltverschwörung<<, als in Israel ein von der iranischen Tageszeitung HAMSCHAHRI initiierter Cartoon-Contest zum Thema >>Holocaust<< umgehend gekontert wurde - mit einem Wettbewerb, bei dem es um die beste antijüdische Karikatur ging. Der Gewinner stiftete übrigens sein Preisgeld der Organisation >>Rabbis for Human Rights<<, die sich für die Rechte der PalästinenserInnen engagiert...

1 Kommentar

  1. Tod Spango am 30.05.06 - 15:30

    der spiegel spinnt. nicht nur optisch, sondern v.a. das titelbild ist tiefstes bams-niveau. ich musste an die veröffentlichung der einzigewahrentagebücher denken, in einem anderen hochklassigen magazin. verschwörungen exitieren nur bei springer - ganz öffentlich...


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