Freitag, 19.05.2006
16:16 » we were family

es stimmt natürlich nicht, dass mir meine familie einen frühen tod wünscht. es stimmt natürlich ebensowenig, dass einzelne mitglieder sensibel genug sind, meine letzten drei lebensjahre in relation zu ihren emotionalen äußerungen zu stellen. denn, sagen wir mal so: wer sich gefühlsmäßig in den letzten jahren mit einem frühen ableben beschäftigt hat, findet es nicht gerade knorke, ständig tote klone aus dem familiären umfeld in den kopf gesetzt zu bekommen.

an dieser stelle möchte ich gerne einfügen, über welch eklatant weitreichenden medizinischen kenntnisse meine großeltern verfügen. bezogen auf meine apoplexy sagte spangoseineomma:

das wusste ich immer. ich habe schon immer gesagt, das kommt daher, dass du immer mit dem kopf arbeitest. immer viel zu viel mit dem kopf arbeitest. und das du dir immer soviel gedanken machst. das war halt nicht gut.

und setzt noch einen obendrauf

es ist schon schlimm, wenn eine mutter ihr kind verliert. aber wenn eine großmutter ihren enkel verliert. das war jetzt ja fast so. man will ja vor den nachgeborenen gehen, die man liebt.

Spangoseinoppa darauf: hättest handwerker werden sollen...

neurochirurgen unter sich...

im familiären schoß ist spango immer gut aufgehoben. verständnis und rücksichtnahme dominieren das areal. und ich muss schon sagen: wenn man dabei (je suis en train de sortir) ist, der welt adieu zu sagen, denkt man unaufhörlich an das leben in der dysfunktion und wie sehr man es vermissen wird. tatsächlich denkt spango an strand (mit schmerzmitteln ist das schon ein recht komplexes bild) und ein paar menschen, die ihm wichtig sind. manchmal an musik. an ein paar bilder. vielleicht noch an musik. aber bestimmt nicht an weihnachtsabende mit helmut lotti und diesem schmierigen geiger mit der strasscammee. die sind nämlich stammgast. genau wie das zimmerwarme bier und diskussionen über asylbewerber und den wahrheitsgehalt der bild-zeitung („aufm krankenhausklo krisse aids“).

aber wir sind nun in der kirche. und der pfaffe raubt mir den letzten nerv. "sonnentage sind geschenke gottes" behauptet er und will damit den kummer über die grauen regenschwaden vertreiben. "das darf man nie vergessen - sie sind geschenke gottes und gott wird mit uns ein einsehen haben...". was sind regentage? geschissene geschosse aus göttlicher hand? man weiß es nicht. thematisch bildet das meer den rahmen des gottesdienstes. der pfaffe entsteigt dann tatsächlich richtung kanzel. das ist mittelalter, denke ich mir und der pfaffe sucht - thematisch ganz elegant - seinen fauxpas zu verschleiern. "ich befinde mich nicht in der kapitänskajüte, sondern auf dem ausguck". er findet es zumindest geil, auf die schäfchen zu starren, die vier meter unter ihm ihre nacken strecken müssen, damit sie sein schwitziges gesicht sehen können. und seit wann labert der mann im ausguck, wenn er kein land sieht? ich guck da nicht hin, sondern auf die uhr. dann wird die eucharistie angekündigt. vier durchläufe werden angedroht. da kann ich nicht mehr mitmachen. ich bin stolz, so lange ausgehalten zu halten und verlasse nach einer stunde das gotteshaus, weil ich angeblich einen wichtigen beruflichen anruf tätigen muss. dann warte ich mit einem kaffee und einer zigarette in den händen auf die mischpoke.

schon auf der fahrt schwant mir, dass es nicht gut ist, sich schon mittäglich dieser menschengruppe auszusetzen. da wird bei vollem tageslicht hemmungslos alles rausgehauen, was so die verbliebenen grauen zellen beschäftigt.

schon vor dem essen (kommt sonst immer beim kaffee danach) das lieblingthema. dazu muss ich nun leider ausholen: also, der vater meiner fünf cousinen (zw. 12 – 19 jahre alt) ist etwa einenmeterfuffzich (macht ja nix) und im grunde ein relativer underachiever mit seeehhhrr großer klappe. so beschäftigt er sich mit IT. soso IT. und davon weiß er alles. kennt alle geheimnisse von microsoft und macht sonst keinen hehl daraus, dass er geheimnisträger ist. vor längerer zeit ist er fast für mehrere jahre in den knast gewandert, nachdem die inhaberin des inländischen gewaltmonopols kiloweise ganja in seiner wohnung gefunden hat. danach ist er dann zu einer abm verdonnert worden. vorher hat er lediglich mit seiner klampfe in der küche gesessen und anderen hirntoten die wahrheit nähergebracht (hitler war ne frau, der mond ist eine erfindung der usa und ähnliches – hochspannend).

seitdem er die abm machen und arbeiten musste, ist er erst recht ein checker geworden. so weiß er, dass alle politiker kriminelle sind, ausländer sich viel zu viel in diesem land herausnehmen und – die neueste erkenntnis – dass verkaufssender ein wahres schnäppchenparadies sind.

so ist eine der ersten verlautbarungen, dass ausländer, insbesondere türken ausgewiesen werden müssen, wenn sie sich schlecht benehmen. nun kann man hier schon einhaken und fragen, ob es von gutem benehmen zeugt, wenn während des essens der fernseher (auf spango sein zurufen wenigstens stumm) läuft und ständig zwischen formeleins („der mischael is´ reingelegt worden“) und shoppingsender („die uhr kostet sonst 1500euro – die hab isch für 200 bekommen“) hin-und hergezappt wird.

zuerst halte ich mich noch zurück und warte ab, wie die antworten ausfallen. natürlich grundsätzlich zustimmend. der eine ist schon mal von einem türken angrempelt worden und in der schule sind die ölaugen alle gewalttätig. mit drogen handeln die soundso alle. bei den drogen schalte ich mich dann mal ein und frage: „ach ja? was für drogen denn?“ die antwort „alles mögliche“ halte ich nicht für zufriedenstellend und setze weise hinzu, dass es sich wohl kaum um koks handeln dürfte, der an einer hautpschule in unmengen vertickt wird. es war natürlich ganja. dagegen habe ich ja nichts, freue mich aber über die betretene stille am festlich gedeckten tisch. bevor nun jemand mir wieder meine erziehung im sozialistischen kader (eher naturwissenschafltiche wolfschanze) vorwerfen kann, nehme ich mir erst mal die kinder zur brust. mit denen hatte ich vor einem jahr schon eine ziemlich laute diskussion über die böhsen onkelz. die hören sie jetzt nicht mehr. aber den unterschied zwischen gutem und schlechtem mensch können sie noch immer nicht angemessen vornehmen. also knöpfe ich mir jeden vor. jeder darf versuchen mich anzulügen, indem er oder sie behauptet, er/sie hätte nie ärger mit einem äußerlich deutsch erscheinenden mitbürger gehabt. nach einer viertelstunde sind wir durch und es herrscht ein wenig angenehme stille.
dann versucht doch einer weiter über die stränge zu schlagen und erneuert die forderung nach ausweisung im fall von „scheiße bauen“. ich frage, was das denn sei und gebe eine auswahl bestehend aus kaugummiklau („...nee, das macht och jeder mal...“) und sexuell motiviertem serienmord. selbstredend solle der mord natürlich hierzulande geahndet werden. wäre ja auch schön blöd, den täter in einen cluburlaub zu schicken. dann gebe ich nochmals zu bedenken, dass evtl. drogenhandel ein guter grund für eine ausweisung wäre. wieder eine angenehme stille. meine großmutter schaut böse. ich denke, ich erinnere sie gerade nicht an paul. mein großvater leitet mir kurz nochmal her, dass alle professoren in deutschland ihre titel gekauft hätten und es deswegen nicht so arg wäre, dass ich keinen doktor gemacht hätte. meinungen ändern sich im hohen alter schnell.

als ich mich höflich verabschiede, fragt eine der cousinen ohnmächtig in die runde: „und mit wem solln wir denn jetzt reden, wenn spango weg ist?“.

alles sehr lang und dramaturgisch nicht wirklich dicht. aber so ist es mit der verwandtschaft...

7 Kommentare

  1. glamourdick am 19.05.06 - 19:24
    (editiert: 19.05.06 - 21:24)
  2. Tod Spango am 20.05.06 - 01:35
    (editiert: 20.05.06 - 03:41)
  3. glamourdick am 20.05.06 - 02:05
    (editiert: 20.05.06 - 04:13)
  4. Tod Spango am 20.05.06 - 12:37
    (editiert: 20.05.06 - 14:37)
  5. Alexandra am 20.05.06 - 14:01
    (editiert: 20.05.06 - 16:01)
  6. Alexandra am 22.05.06 - 11:45
    (editiert: 22.05.06 - 13:45)
  7. Tod Spango am 22.05.06 - 11:57
    (editiert: 22.05.06 - 13:57)

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