Samstag, 13.05.2006
23:21 » Schreiben, um miteinander zu leben.
Süßes kleines Geschöpf
Wissen Sie, was mir heute zustößt? Ich bin 32 geworden. Aber ich fühle mich nicht allzu alt; ich strotze vor Gesundheit und sehe sehr schön aus.
(...)
Auf Wiedersehen, lieber geliebter Kleiner, guter kleiner ganz ausdauernder und treuer Briefeschreiber, kleiner Schönschreiber, kleiner guter Kopf - wie unser Mundwerk sehr bald nicht stillstehen wird. Ich liebe Sie mit aller Kraft, mein süßer Kleiner - ich warte auf Sie.
Ihr reizender Castor (9. Januar 1940)
schön, nicht? so schreibt frau de Beauvoir an herrn Sartre. gerne hätte ich den eintritt meines 32. geburtstag ähnlich souverän abgestraft.
jetzt schon damit angeben, dass man sich mit philosophie beschäftigt? keinesfalls. ich lese diesen briefwechsel, weil ich die schriften der beiden herrschaften nicht verstehe. aus frust habe ich mich dazu entschlossen, mal durch deren schlüsselloch zu gucken.
wenn nix verstehen, wenigstens alles sehen. voyeure sind also oftmals nur missverstandene lbs.
abgesehen davon, dass man schaudert angesichts der sprach- und gedankengewalt in den briefen wird man neidisch. nicht auf den iq bzw was man draus macht. unerreichbare ziele überlasse ich den anderen. eher auf diese beziehung. warum kriege ich nicht täglich einen solchen brief?
Das war´s, mon amour - jetzt ist es 2 Wochen her, daß der Zug Ihr kleines Gesicht entführt hat. (29. Februar 1940)
genau richtig dosiert. romantik der existenzialistischen schule. die gesichtentführung. das meinige ist nicht sonderlich klein. meine zwillingsschwester hat versucht, sich gegen mich zu wehren, indem sie "plitsch-platsch" gesagt hat, wenn ich vorbeischwebte. ein ganz schäbiger versuch, mein köpfchen in einen hydrocephalus - zusammenhang zu setzen. man könnte auch einfach "schönes" oder "anbetungswürdiges gesicht" schreiben. ich bin da nicht so wählerisch.
Ich liebe Sie - als ich Ihre Adresse schrieb, wurde ich von dem leidenschaftlichen Wunsch gepackt, es Ihnen laut, laut, laut zu sagen, mein Kleiner. (21. März 1940)
nun, laut mag ich im grunde nicht. aber wenn leidenschaftliche wünsche geäußert werden, dann entweder sehr leise oder sehr laut. so gehört sich das. gehauchte zärtlichkeit oder berstend-eruptive leidenschaft.
Mein lieber Kleiner, wie nah Sie mir sind, wie lebendig Sie sind, wie sehr ich Sie liebe, Sie, der Sie für mich das Notwendige und das Überflüssige sind (die vollkommende Synthese des Allgemeinen und Besonderen, nach der das unglückliche Bewusstsein gemäß Herrn Hegel und Monsieur Wahl schreit). Mon amour, ich werde Ihre Gesichter wiedersehen. Ich werde Sie küssen. Ich werde Ihren Arm halten. Kommen Sie schnell zu mir zurück. (12. Juli 1940)
gerne bin ich notwendig und fast noch lieber überflüssig. das gerngesehene muss. quasi die bedingung für die freude im leben. und viele gesichter habe ich auch. im wechsel der jahreszeiten (optisch) und variierend nach tagesform (zeitlich).
Williamsburgh ist ein schändlicher Betrug, eine von Rockefeller ganz nach dem Modell der Kolonialstädte erbaute Stadt, etwas sehr Deutsches, wie dieses Schloß im Elsaß, wo so viele Wespen waren - man sieht dort Frauen in Kostümen des 18. Jahrhunderts und Neger, die als Lakaien gekleidet Kaleschen fahren. (14. April 1947)
auch ich möchte schlösser besuchen und im nachhinein vergleiche aus aller welt serviert bekommen. die wespen möchte ich aussparen, weil ich auf ihr gift allergisch reagiere. meine finger, hände und arme schwellen dann an. allerdings kann das auch für die umstehenden lustig sein. ich stelle mich dazu nur zur verfügung, wenn meilenweit kein gaukler für einen auftritt zu gewinnen ist. im allgemeinen fühle ich mich nicht dazu in der lage, zeiträume der langeweile mit bedrohungen für meine gesundheit zu überbrücken. insofern wird es dazu nicht kommen.
Ich kann Ihnen schlecht schreiben, weil ich seit einer Woche zu nervös bin. Ich schlafe nachts 4 Stunden, esse nichts und trinke wie ein Loch. (8. Mai 1947)
wenigschläfer mit einem hang zu drogen sind stets anstrengend. diese art von lebenswandel darf sich nur frau de Beauvoir leisten. sollte dieser zustand aufgrund meiner existenz einsetzen ist es schon zu spät.
Sie, mein geliebtes Leben. Ich war sehr gerührt, als ich Sie in Ihrem kleinen grauen Anzug verschwinden sah, und lange Zeit wünschte ich mir nichts auf der Welt, außer Sie eines Tages wiederzusehen - das wird geschehen, also ist alles gut. (Anfang Juli 1950)
wunderbar. ich besitze zwei graue anzüge, einer ist mir inzwischen zu klein.
Ich küsse Sie, mein liebes kleines Absolutes.
es ist schwer, einen brief schöner zu beenden.
ja, beeindruckend; zwei, die „die Vorteile des Lebens zu zweit und keine seiner Unannehmlichkeiten“ genossen.
unsereins schafft es gerade mal, in halbsätzen virtuell auf emails zu antworten.
p.s. ich erwarte fortan tonnen von briefen
(Quelle: Simone de Beauvoir: Briefe an Sartre, Bd. II: 1940-1963, Rowohlt)
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