Während meiner an demütigenden Erfahrungen nicht armen Schullaufbahn überforderte mich kein Fach auch nur annähernd derart wie der Kunstunterricht.
Welche kreative Leistung mir auch abverlangt wurde, ob Zeichnung, Plastik oder Bastelei, ich versagte kläglich.
Klebstoff landete in meinem Mund, mit Scheren verletzte ich mich oder/und Sitznachbarn, der Inhalt meines Malkastens verteilte sich wie von Zauberhand über den gesamten Raum. Die mit mir geschlagenen KunsterzieherInnen pflegten mich daher mit einem Ausdruck faszinierten Abscheus zu betrachten.
Seit Jahren bemühe ich mich nun schon, diese traumatischen Erfahrungen zu verdrängen. Heute jedoch erfuhr ich, dass die nordrhein-westfälische Landesregierung offenkundig gemeingefährlichen Grobmotorikern wie mir ein Refugium bietet. So ist im Landtag eine Debatte über verhunzte Bastelarbeiten entbrannt. Den Anlass hierzu lieferten MitarbeiterInnen der Staatskanzlei, denen im Zuge der allmorgendlichen Aufgabe, das Landesgeschehen betreffende Zeitungsberichte zu einem Pressespiegel zusammenzuschnibbeln, unlängst ein Malheur unterlief: Sie nahmen einen BILD-Artikel auf, in dem Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und Sozialminister Karl-Josef Laumann mit wertenden Richtungspfeilen versehen wurden, beide steil nach oben zeigend. In der Originalfassung aber wies der Rüttgersche Pfeil nur halbherzig in die Höhe, der Laumannsche gar nach unten. Hiermit konfrontiert, machte die Staatskanzlei einen "bedauerlichen Fehler" geltend. Beim Ausschneiden des Artikels seien die Pfeile versehentlich abgetrennt worden. Daraufhin habe die Bastelgruppe andere Pfeile kopiert, ausgeschnitten und auf das zerschnibbelte Original geklebt - leider in falscher Richtung. OppositionspolitikerInnen zweifeln ein solches Maß an Ungeschicklichkeit an und wittern einen perfiden Propagandacoup. Von denen hat garantiert niemand je beim Versuch der Herstellung eines Linolschnitts einen halben Liter Blut verloren...

(editiert: 11.05.06 - 17:30)
(editiert: 13.05.06 - 15:44)