Dieses Wochenende musste ich wieder einmal feststellen, dass ich partout nicht zur Kampfmaschine tauge.
So begab ich mich in der Nacht zu Samstag per Wochenendticket auf einen Kurztrip nach Berlin, wo ich um die Mittagszeit anzukommen gedachte. Gegen 4.00Uhr jedoch endete der Ausflug erst einmal irgendwo zwischen Dortmund und Hamm. Betriebsschaden. Auf den Sitzen hinter mir ein Punkerpaar, das auf wundersame Weise sämtliche in der Bahn befindlichen Intensivkiffer anzog. Die sich in Windeseile entwickelnden Rauchschwaden lockten auch vier junge Männer kurdischer Abstammung herbei. Wieso ich glaube, dass es sich um Kurden handelte? Nun ja, ich vertraue einfach ihrer Selbstaussage: "Wir und Türken?" "Wir sind viel besser, Alter!" "Genau, wir sind Kurden!" "Türken sind doch Transen!"
Einige Zeit später sollte sich mir ein schlagender Beweis ihrer Virilität bieten. Zunächst aber suchte ich, nachdem es sich das Quartett auf den Sitzen neben mir bequem gemacht hatte, das Weite. Irgendwie waren die Jungs mir nicht ganz geheuer. Vielleicht deswegen, weil sie unablässig den Deal ihres Lebens, einen Grasgroßeinkauf in Enschede, besprachen. Immer und immer wieder zählten sie das hierzu vorgesehene Geld - und kamen jedes Mal zu einem anderen Resultat. Gut und gerne 1000 Euro dürften sie jedenfalls mit sich geführt haben.
Als Ausweichmöglichkeit bot sich mir innerhalb der gestrandeten Bahn lediglich ein Areal, in dem drei sturzbetrunkene Borussia Mönchengladbach-Fans das Regiment führten: Der lange Lothar, seine elfengleiche Lebensgefährtin Ruth und der niederländische Trucker Geert, auf dem Weg nach Berlin, um an einer Jubiläumssause der "Spreeborussen" teilzunehmen. Ich bin ja selbst ein kleiner Fuppes-Proll und der einzig wahren Borussia durchaus zugetan, aber das dynamische Trio raubte mir rasch den letzten Nerv. Etwa alle fünf Minuten fiel das Licht aus, was Lothar, Ruth und Geert jweils zum Anlass nahmen, einen weiteren Stadionhauer aus ihrem reichhaltigen Repertoire anzustimmen. Unglaublich, was 9 Promille, verteilt auf drei Menschenkinder, für einen Mordskrach produzieren können!
Nach fast vier Stunden endlich die Erlösung. Der kaputte Zug wurde in den nächsten Güterbahnhof geschleppt, wo ein funktionstüchtiger bereitstand. Ich wie ein pfeilschnelles Schweinchen hinein, nur weg von meinen neuen Borussen-Freunden. Wer nahm kurz darauf unmittelbar vor mir mehrere Sitzreihen in Beschlag? Das kurdische Antitransenkommando, im Schlepptau ein junger Blondschopf, mittels dessen Handy der Ertrag des Megadeals errechnet werden sollte. Immer neue Zahlenkombinationen schwirrten durch das Abteil: "Rechne 8 mal 13 mal 4,5!" "Wieso nicht 20 mal 15 mal 4,5?!" "Oder 20 mal 20 mal 4,5?!" "DURCH 4,5, ihr Nutten!" Der Blondschopf war sichtlich überfordert mit seiner Aufgabe, also schnappte sich schließlich eines der Rechengenies das Handy. Bei der nächsten Station machte sich plötzlich das Quartett zum Aussteigen bereit. Die seitens des Blondschopfes geäußerte Aufforderung, das Handy zurückzugeben, wurde in Form einer Schimpfkanonade sowie einer eingesprungenen Kopfnuss abschlägig beschieden. Ich wie paralysiert, unfähig, die Fliehenden aufzuhalten.
Dabei habe ich doch dereinst Kampftraining betrieben. Wing Chun. Leider nur wenige Wochen. Wieso nur so kurz? Nun ja, einerseits empfand ich gewisse Rituale als leicht behämmert. Vor und nach jedem Training beispielsweise hatten sich alle Anwesenden ehrfurchtsvoll vor einem Porträt des Wing-Chun-Sifus Birol Özden zu verbeugen. Ferner erwies ich mich als eine Spur zu ungelenk. Nie werde ich eine Übungseinheit vergessen, in deren Verlauf die Teilnehmenden auf Kommando blitzschnell die Richtung wechseln sollten. Immer reagierte ich leicht verspätet und blickte in ein Dutzend feixender Gesichter. Sogar meine Schwägerin, die das Kampfkunsttraining gemeinsam mit mir aufgenommen hatte, grinste bis über beide Ohren. Dieses Erfolgserlebnis ließ sie allerdings ein wenig übermütig werden. So fragte sie während der zweiten oder dritten Stunde den Übungsleiter: "Wann lernen wir denn die tödlichen Schläge?" Die Antwort: "Nach bestandener Gewissensprüfung." vermochte sie ganz und gar nicht zu befriedigen. Kurz darauf gab sie mir zu verstehen, dass sie Wing Chun für läppisch halte. Ich war heilfroh über die Gelegenheit, aus der Nummer raus zu kommen, und bestätigte sie in ihrer Ansicht. Auch der Wing-Chun-Verein schien unser Fernbleiben nicht eben als herben Verlust aufzufassen, jedenfalls wurde ich trotz unterschriebenen Ein-Jahres-Vertrages niemals mehr mit Zahlungsaufforderungen konfrontiert.
Vergangenen Samstag nun hätten mir ein paar Wing Chun-Kniffe nicht schaden können. Der einzige Kampfgriff, den ich beherrsche, ist der Schwitzkasten. Seit der dritten Klasse allerdings hat sich kein Gegner mehr von dieser Kampftechnik sonderlich beeindrucken lassen. So wird wohl nie ein gerahmtes Foto von mir in einer durch KämpferInnenschweiß geadelten Gymnastikhalle hängen. Letztens las ich auch noch, dass der große Birol Özden dem nicht minder anbetungswürdigen Uwe Ochsenknecht zur Vorbereitung auf einen Film Wing-Chun-Unterricht erteilt habe. Hätte ich dies einige Jährchen früher gewusst, wäre der Schwitzkasten sicherlich nicht mein tödlichster Schlag geblieben und vier Dortmunder Kleinkriminelle besäßen ein Handy weniger...

(editiert: 02.05.06 - 03:04)
(editiert: 02.05.06 - 03:54)