Montag, 31.10.2005
00:12 » TAG SECHS
Die Krankheit der Gegenwart ensteigt der Ignoranz der Schwachen.

Hatte am Morgen einen Arzttermin. Der Dermatologe (Herr Dr. Nibbel) versuchte mir Hoffnung zu machen, obwohl die Ausfallmenge meiner Haare nach einer einwöchigen Stagnation wieder steigt. Nun ja, da weiß halt niemand was Genaues drüber. Diese Autoimmunerkrankungen sind schon tückisch. Ich schmiere jetzt schon die zigste Paste/Creme/Tinktur aufn Kopp, aber außer Nebenwirkungen hat sich wenig getan. Juckreiz? Ja! Ausschlag? Ja! Flechtenartige Hautirritationen? Natürlich! Aber Linderung haben diese Hexentränke nicht gebracht. Dr. Nibbel bemerkte – das Gott sei Dank sehr vorsichtig – dass ich auf ihn einen etwas unausgeglichenen Eindruck mache. Was sollte ich dazu sagen? Soll ich dem etwa erzählen, was mich privat belastet? Ich glaube kaum. Man muss heute sehr vorsichtig sein. Der meldet das noch irgendwo und ich darf zuzahlen. Alles schon gehört. Ich bin jedenfalls raus aus der Praxis mit einer neuen Tinktur und wenig Hoffnung. Dann sah ich zufällig auf dem Weg zur Arbeit den Freund von der Gabi. Zusammen mit einer jungen Frau in einem Café. Da habe ich mich einfach an den Nebentisch gesetzt, weil der kennt mich nicht. Habe den immer nur heimlich beobachtet, wenn der die Gabi mal abgeholt hat. Und was soll ich sagen? Der hat noch ne andere. Küsschen hier, Küsschen da. Hemmungsloses Rumgeflirte. Gut, dass ich so ein unauffälliger Typ bin. Das empfand ich zwar oft als hinderlich, weil ich schnell ignoriert werde, aber für solche Aktionen ist das doch von großem Vorteil. Weil ich sehr sparsam bin, habe ich ein Leitungswasser und das günstigste Stück Kuchen bestellt. Einen fast ungenießbaren Apfel-Riemchen-Kuchen. Die Oberseite war schon total hart und geschmeckt hat die Pampe nur nach Zucker und Geschmacksverstärkern. Wenn da echte Früchte dringesteckt haben bin ich Addi Furler (der beste Pferdesportexperte, den das deutsche Fernsehen je gekannt hat, leider auch schon tot). Ich habe also gedankenverloren an der Teigzumutung gezutzelt und schön die Ohren aufgesperrt. Da verspricht doch dieser Hallodri seiner Begleiterin, dass sie bald beide zusammen einen Cluburlaub auf den Kanaren machen. Na, da bin ich ja mal gespannt! Die Gabi hält den eigentlich an der kurzen Leine seit er parallel zu ihr mit einem Aupairmädchen und der Betreiberin seines Sonnenstudios in die Falle gehüpft ist. Schon blöde, wenn man zu ner Party geht, wo alle Frauen mit denen man es treibt auch anwesend sind. So ein Depp! Da habe ich kurz mal gute Laune bekommen. Ich weiß, Schadenfreude ist nicht wirklich in Ordnung, vor allem, wenn ein Mensch betroffen ist, der mal sehr wichtig für einen war. Aber wer nimmt denn auf mich Rücksicht? Dann habe ich etwas zu hastig versucht ein Stück des Kuchens, das in meinem Hals festzukleben schien, beherzt mit einem Schluck Wasser herunterzuspülen. Da kam mir der Rest des Kuchens flugs wieder hoch. Das war schon peinlich, zumal die ominöse Begleiterin von Gabis Lebensgefährten sich echt nett um mich gekümmert und mir die Speichelreste entfernt hat. Ich habe sie vielleicht ein bisschen zu stark weggestoßen und bin aus dem Café gerannt. Gezahlt hatte ich schon. Den Rest des Tages habe ich dann bei der Arbeit in meinem Büro gesessen und behauptet, ich würde an diesem verschissenen Organigramm arbeiten. In Wahrheit habe ich daran gearbeitet, den fiesen Kuchen-Kotze-Geschmack wegzukriegen und ein wenig im Internet gesurft, um mich über die neuesten Sondermarken der Post zu informieren. Es gibt jetzt bald eine Reihe mit Orchideen, die mich sehr interessiert. Orchideen sind übrigens eine der artenreichsten Blumengattungen überhaupt. Das neue Mittel vom Nibbel habe ich erst gar nicht ausprobiert, weil es stinkt wie die Hölle. Habe einfach meine Williams-Christ-Birne gegessen, mich unter das Rotlicht zu Hause gesetzt und den Kopfflaum gewärmt.

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